EVG und GDL Bahnstreik verschärft Konflikt zwischen den Gewerkschaften

Der Streik bei der Deutschen Bahn erhitzt die Gemüter. Nicht nur die der Bahnreisenden, die vom Streik der GDL kalt erwischt wurden und kurzerhand umplanen mussten. Auch zwischen den beiden Bahngewerkschaften knirscht es gewaltig. Denn der Streit zwischen GDL und EVG findet nicht nur auf der Funktionärsebene statt, er zeigt sich auch unter den Beschäftigten im Betrieb. Um was geht es da überhaupt?

Streik bei der Deutsche Bahn
Der Streik der Deutschen Bahn legt den Personenverkehr weitgehend lahm. Bildrechte: imago images/Michael Gstettenbauer

Schon im März hatte die EVG ihre Konkurrenzgewerkschaft öffentlich angeprangert: Die GDL greife die Kolleginnen und Kollegen persönlich an und beleidige sie. Später dann, im Juli, teilte EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel mit, die Anfeindungen hätten massiv zugenommen. Die Palette der Angriffe reiche von Sachbeschädigungen über körperliche Übergriffe bis hin zu Morddrohungen.

EVG-Vorsitzender Klaus-Dieter Hommel
EVG-Vorsitzender Klaus-Dieter Hommel verurteilt das Vorgehen der Konkurrenzgewerkschaft GDL. Bildrechte: imago images/Jürgen Heinrich

Hommel sagte am Mittwoch im Gespräch mit MDR AKTUELL, dass der Betriebsfrieden bei der Bahn nicht nur gefährdet, sondern zum Teil wirklich sehr gestört sei: "Die Werbemaßnahmen der GDL führen wirklich zu ganz schlimmen Verhältnissen. Es ist deshalb auch unserer Forderung: Bevor wir miteinander reden können, muss sich Weselsky von dieser Art und Weise distanzieren."

Das hat der GDL-Chef bislang aber nicht getan. Auch auf eine entsprechende Anfrage von MDR AKTUELL hat die Gewerkschaft nicht reagiert.

Tarifstreit wird zum Machtkampf

Das alles zeigt: Es ist nicht einfach ein Tarifstreit, der hier öffentlichkeitswirksam ausgefochten wird. Es geht um einen Machtkampf innerhalb des Deutsche-Bahn-Konzerns. In diesem Zusammenhang sind auch die von Hommel kritisierten Werbemaßnahmen der GDL zu verstehen. Die Lokführergewerkschaft will mehr Einfluss. Dafür braucht sie neue Mitglieder und sucht die – bei aller Rivalität – auch bei der EVG.

Bei der Streikankündigung am Dienstag sagte GDL-Chef Weselsky: "Wir machen unsere ureigensten Aufgaben. Gewerkschaften sind dafür verantwortlich, dass sie Mitglieder haben, weil sie nur über Mitgliedschaft Stärke generieren können. Ansonsten sind sie beim kollektiven Betteln angelangt."

Claus Weselsky
GDL-Chef Claus Weselsky will neue Mitglieder für seine Gewerkschaft zu gewinnen – auch bei der konkurrierenden Gewerkschaft. Bildrechte: dpa

Hintergrund ist das Tarifeinheitsgesetz, das bei der Bahn seit diesem Jahr greift. Das besagt: Konkurrieren zwei Gewerkschaften in einem Betrieb miteinander, ist im Streitfall nur der Tarifvertrag der mitgliederstärkeren Gewerkschaft gültig.

In 16 der insgesamt rund 300 Bahnbetriebe hat die GDL die Mehrheit. Das wolle sie jetzt in mehr Betrieben erreichen, sagt der Kasseler Politikprofessor und Gewerkschaftsexperte Wolfgang Schroeder: "Und das kann sie nur, wenn sie in die Offensive geht, wenn sie polarisiert, wenn sie mobilisiert. Die Hoffnung: mehr Mitglieder, mehr Stärke und dann werde ich Mehrheitsgewerkschaft. Das ist die Dynamik, mit der wir da konfrontiert sind." Schroeder spricht von einem Überbietungswettbewerb.

Beschäftigte werden in Gegnerschaft getrieben

Die GDL versuche mit dem aktuellen Streik, einen besseren Tarifabschluss zu erreichen als die EVG im vergangenen Jahr, sagt Schroeder. Sie verstärke die angesprochene Dynamik, indem sie die EVG diffamiere – als Teil des Establishments, das mit dem Management der Bahn gemeinsame Sache mache. "Das ist auch das Moment einer kulturellen Polarisierung innerhalb des Unternehmens. Denn da werden unterschiedliche Beschäftigtengruppen in eine starke Gegnerschaft getrieben. Das ist natürlich nicht besonders gut für den Konzern, aber auch nicht für die Betroffenen", erklärt der Politikexperte.

Solche Konflikte sollte das Tarifeinheitsgesetz eigentlich minimieren – das Gegenteil sei aber der Fall. Dem Überbietungswettbewerb seien so keine Grenzen gesetzt. Schroeder sieht aber auch das Management der Bahn in der Verantwortung. Das habe es bislang nicht geschafft, die verstrittenen Gewerkschaften zur Zusammenarbeit zu bewegen – und schlicht versagt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. August 2021 | 06:00 Uhr

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