WM 1974 in Deutschland Polen verliert die "Wasserschlacht von Frankfurt"

22. Juni 2018, 15:30 Uhr

Das Spiel um den Einzug ins Finale zwischen Polen und Deutschland bei der WM 1974 ging als "Wasserschlacht von Frankfurt" in die Geschichte ein. Es war ein irreguläres Spiel, das die bessere Mannschaft verlor: Polen. Der deutsche Kapitän Franz Beckenbauer sagte später: "Unter normalen Bedingungen hätten wir wahrscheinlich keine Chance gehabt."

3. Juli 1974: Um 16 Uhr sollte im Frankfurter Waldstadion das entscheidende Spiel um den Einzug ins WM-Finale zwischen Polen und Deutschland angepfiffen werden. Doch eine halbe Stunde vorher war ein sintflutartiger Wolkenbruch niedergegangen, 14 Liter pro Quadratmeter. Das Spielfeld ähnelte einer Seenplatte. Mit Hilfe von Wasserwalzen und Pumpen versuchten Stadionhelfer und Feuerwehrleute, den Wassermassen Herr zu werden und den Platz wenigstens einigermaßen bespielbar zu machen. Doch ihre Mühen waren vergebens: Der Rasen stand weiterhin knöcheltief unter Wasser, denn es hörte nicht auf zu regnen. Dennoch pfiff der Schiedsrichter mit einer halbstündigen Verspätung die Begegnung an.

Polen ist favorisiert

Experten galt die polnische Elf als leicht favorisiert. Sie spielte einen furiosen Offensivfußball und hatte großartige Spieler in ihren Reihen: den genialen Mittelfeldregisseur Kazimierz Deyna, einen der besten Fußballer der Welt, die technisch hochbegabten und pfeilschnellen Stürmer Grzegorz Lato, Robert Gadocha und Andrzej Szarmach, den Torwart Jan Tomaszewski sowie den robusten Abwehrspieler Wladyslaw Zmuda. Polen hatte jedes seiner bislang fünf WM-Spiele gewonnen und dabei auch die Fußballmächte Italien, Jugoslawien und Argentinien bezwungen. Die Polen waren guten Mutes, nun auch Gastgeber Deutschland bezwingen zu können.

Irreguläre Bedingungen

"Die Verhältnisse waren katastrophal", erinnerte sich Jahre später Grzegorz Lato. An ein reguläres Fußballspiel war tatsächlich nicht zu denken. Die Spieler rutschten unentwegt aus, bei jedem Schritt spritzte das Wasser und der Ball versank ständig in den Pfützen. "Man konnte kein Passspiel machen", klagte der deutsche Nationalspieler Bernd Hölzenbein einmal im "Kicker tv". "Der Ball ist ja nach zehn Zentimetern einfach liegengeblieben." Exemplarisch ist eine Szene in der ersten Halbzeit: Grzegorz Lato war urplötzlich allein vor dem deutschen Tor aufgetaucht. Er umkurvte Torwart Sepp Maier und musste den Ball jetzt nur noch ins leere Tor schieben. Aber der Ball blieb kurz vor der Torlinie in einer Wasserlache stecken, aus der ihn Maier gerade noch rechtzeitig herausfischen konnte.

Polens Ballkünstler im Nachteil

Mit den widrigen Platzverhältnissen mussten natürlich beide Teams klarkommen. Vor allem aber für die technisch hochbegabten polnischen Spieler waren die Seen auf dem Rasen eine Katastrophe. Ihr Offensivspiel war auf Schnelligkeit und elegante Passkombinationen ausgerichtet. Die Deutschen dagegen schlugen wie gewohnt hohe Bälle nach vorn.

Am Ende wurde die "Wasserschlacht" durch ein glückliches Tor von Gerd Müller, dem 'Bomber der Nation', entschieden. Deutschland gewann 1:0 und zog ins WM-Finale ein. Die polnischen Spieler waren untröstlich und haderten mit ihrer Niederlage. Denn sie waren allen Widrigkeiten zum Trotz die bessere Mannschaft gewesen und hatten sich genügend Chancen erspielt, um auch die "Wasserschlacht" für sich entscheiden zu können. Doch Torwart Sepp Maier hielt mit etlichen Paraden und einigem Glück sein Tor sauber. "Unter normalen Bedingungen hätten wir wahrscheinlich keine Chance gehabt", diktierte der deutsche Kapitän, 'Kaiser' Franz Beckenbauer, den Journalisten nach dem Spiel ungerührt in die Notizblöcke.

Verschwörungstheorien in Polen

In Polen begannen nach der Niederlage in der "Wasserschlacht" etliche Verschwörungstheorien herumzugeistern. Deren Tenor: Durch Hinterlist und miese Absprachen hätten die Deutschen die eleganten polnischen Ballkünstler um ihren verdienten Lohn gebracht. So sollen die Stadionhelfer nur eine Hälfte des Platzes vom Wasser befreit und die deutschen Funktionäre sich hinter den Kulissen und aus fadenscheinigen Gründen gegen eine Spielverlegung ausgesprochen haben. Doch es stellte sich schnell heraus - für Verschwörungstheorien gab es nicht die geringsten Belege. Die Polen hatten einfach großes Pech gehabt.

Sieg im "kleinen Finale"

Im "kleinen Finale" gegen Brasilien - ausgetragen unter regulären Bedingungen - zeigte die polnische Nationalelf dann noch einmal ihr ganzes Können und gewann durch ein Tor von Grzegorz Lato verdient mit 1:0. Polen war damit sensationell WM-Dritter geworden. Aber ein Trost war ihnen das nicht - schließlich hätten sie Weltmeister werden können...

(sl)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Aktuell" 14.05.2014 | 17:45 Uhr