Fruchtbarkeit Früher war Sperma fitter

Früher war mehr Lametta - kann man offenbar auch über die Spermaqualität sagen: Spermien waren schon mal fitter, flotter und mehr. Aber was ist los in den Hoden der Männer in den Industrieländern? Studien zufolge sinkt deren Spermaqualität seit Jahrzehnten: Fehlbildungen, schlechtere Schwimmfähigkeit und weniger Spermien im Ejakulat. Normalerweise bringt eine Ejakulation 100 Millionen Spermien in Umlauf. Schwierig wird das Kinderzeugen bei weniger als 39 Millionen Spermien.

von Liane Watzel

Grafik - Sperma-Krise 1 min
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Spermien waren schon mal fitter, flotter und mehr. Studien zufolge sinkt bei Männer in den Industrieländern die Spermaqualität seit Jahrzehnten.

Mo 21.10.2019 11:11Uhr 00:45 min

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Ist es 2050 vorbei mit dem Spaß bei der Fortpflanzung? Jedenfalls für Paare mit einem Mann aus einer Industrienation? Wenn deren Spermaqualität weiter so den Bach runter geht wie es verschiedene Studien und Metastudien der vergangenen Jahre aufzeigen, wird es eng. Die Alarmglocken der Spermakrise schlagen tatsächlich schon länger. Allerdings muss man sich diese Glocken einmal genauer anschauen. Die erste läutete Mitte der 1990er-Jahre, die zweite 2017.

Warum die Spermakrisen mit Vorsicht zu genießen sind

Computergestützte Darstellung eines Spermiums. 1 min
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So bewegt sich ein menschliches Spermium in der Simulation im dichten Zervixschleim.

Di 19.03.2019 15:52Uhr 00:10 min

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1992 wurde die erste "Spermakrise" ausgerufen, nach einer Analyse von 61 Spermaforschungen aus der Zeit von 1938 bis 1990. Elisabeth Carlsen, Aleksander Giwercman, Niels Keiding, Niels E. Skakkeblek analysierten damals Daten von von knapp 15.000 Männern und kamen zu dem Schluss, dass sich sowohl Spermamenge als auch Spermienanzahl um fast die Hälfte verringert hatten.

Diese erste Überblicksstudie birgt aber etliche Haken: Zum einen wurden über die Jahre von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Referenzwerte mehrfach verändert, wie viel Spermien pro Milliliter Ejakulat, als Durchschnitt gelten. Außerdem gab es in den verschiedenen Jahrzehnten verschieden viele Studien, zudem stammen sie aus verschiedenen Ländern und Kontinenten. Bis 1980 gab es überhaupt keine einheitlichen Standards für Diagnosemethoden, die WHO beschrieb zwar Analyse-Verfahren, die man als Norm ansehen konnte, allerdings ohne jeden bindenden Charakter für die Labore und Forschungseinrichtungen.

Sperma
Jedes Spermium fit und flott, wohlgeformt und pro Ejakulat über 39 Millionen: Dann ist es gutes Sperma Bildrechte: imago/Science Photo Library

Auch die zweite großen Sperma-Metastudie aus dem Jahr 2017 sorgte für Schlagzeilen. Forscher der Hadassah-Hebrew University in Jerusalem berechneten 2050 als den Sperma-Nullpunkt, sie hatten 185 Studien ab 1970 ausgewertet, mit Daten von knapp 43.000 Männern. Studienautor Hagai Levine und sein Team wiesen auf mögliche Zusammenhänge hin, zwischen reduzierter Spermienanzahl im Ejakulat mit höherer Sterblichkeit und mehr Fehlbildungen an männlichen Geschlechtsorganen wie Hodenanomalien, Harnröhren-Fehlbildungen und Hodenkrebs.

Aber auch an dieser Arbeit gab es neben vielen Warnrufen Kritik: Die Kriterien für gutes Sperma - gute Beweglichkeit der Spermien oder morphologische Eigenschaften - wurden darin nicht untersucht. Als Weckruf solle die Studie dennoch verstanden werden, mahnt Studienautor Hagai Levine. Denn tatsächlich ist irgendwas, pardon, faul im Sack.

Links: gutes Spermium - rechts deformiertes Spermium

Spermium
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Spermium
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Spermium Deormation
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Ungelöst: Warum immer weniger Spermien fit und gesund sind

Dass die Hoden heute schlechtere Spermien produzieren als früher, ist zum Beispiel in Dänemark festgestellt worden. Eine Studie mit 4.878 Männern, durchschnittlich 19 Jahre alt, untersucht zwischen 1996 und 2010, ergab: nur bei 23 Prozent der Probanden aus Kopenhagen wurden eine optimale Spermiendichte und Qualität nachgewiesen - also nur bei knapp einem Viertel.

Samenprobe
Sperma - waren früher mehr Spermien drin? Bildrechte: imago/Christian Ohde

Auch in der Schweiz nimmt man die Spermienqualität unter die Lupe. In einer 2019 veröffentlichten Studie wurden 2.523 Spermienproben untersucht. 38 Prozent lagen unterhalb der WHO-Norm von Beweglichkeit, Form und Anzahl. Bei fast 17 Prozent der Probanden lag die Menge der Spermien pro Milliliter unter dem kritischen Wert von 15 Millionen - das ist Europaweit einer der niedrigsten je gemessenen Werte.

Insgesamt hatten 62 Prozent der Schweizer Probanden mindestens ein Parameter - Anzahl, Beweglichkeit oder Morphologie - unterhalb der WHO-Normen. Studienmitautor Marc van den Bergh zufolge sind die Werte nicht als allein schweizerisches, sondern als generelles Phänomen der westlichen Industriationen zu werten. Zusammenfassend lässt sich sagen - die Qualität des Spermas hat Federn gelassen und noch hat keiner herausgefunden, warum das so ist: Das Handy in der Hosentasche? Die Chemie auf dem Feld? Das Mikroplastik in der Umwelt? Die Medikamente, die wir nutzen? Die Weichmacher aus all dem Plastik, das wir benutzen - unser kompletter Lebensstil?

Deformierte Spermien - mehr als ein privates Problem

Wenn Spermien nicht können, wie sie sollen, ist das ein vielschichtiges Problem für Paare. Zum psychosozialen persönlichen Druck innerhalb der Beziehung durch die ungewollte Kinderlosigkeit, kommt oftmals der Druck von außen: "Wollt ihr nicht endlich mal Kinder kriegen?", "Wann kriege ich endlich ein Enkelkind?", "Wie alt willst du denn noch werden, bis du mal Vater wirst?" - Je früher "faule" Spermien als Grund für ungewollte Kinderlosigkeit erkannt werden, desto besser: Je früher sich dann für Befruchtung im Reagenzglas entschieden wird, um so größer die Chance, dass es klappt. Je älter Frauen Mutter werden, um so höher schließlich die gesundheitlichen Risiken, für Frau und Kind.

In Vitro Fertilisation und Intrazytoplasmatische Spermieninjektion
In Vitro Fertilisation - funktionstüchtige Spermien werden für die Befruchtung ausgewählt. Bildrechte: imago/epd

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 17. Januar 2019 | 05:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2019, 15:54 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 4 Wochen

Hallo Realist,
interessanter Ansatz. Doch gibt es für Ihre Behauptung Belege? Bislang konnte kein Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Erkrankungen wie etwa Krebs festgestellt werden. Auch eine Einschränkung der Fruchtbarkeit konnten Forscher bislang nicht feststellen. Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.mdr.de/wissen/antworten/FAQ-Mobilfunkstandard-fuenf-g100.html
Freundliche Grüße aus der MDR-Wissen-Redaktion

DerRealist vor 4 Wochen

"UNGELÖST: WARUM IMMER WENIGER SPERMIEN FIT UND GESUND SIND"
...da bring ich mal die Lösung: Weil die Menschen dauerhaft bestrahlt werden! Mobilfunk, WLAN und Co sind das Problem, das muss man aber auch mal als wahr anerkennen bevor wir aussterben, mit 5G wirds sicher alles nur nicht besser!