Busse und Straßenbahnen überfüllt Immer mehr Erfurter nutzen öffentliche Verkehrsmittel

55,45 Millionen Fahrgäste: Das sei der höchste Zuwachs im öffentlichen Nahverkehr seit Jahren in der Landeshauptstadt, freuen sich die Chefs der Erfurter Verkehrsbetriebe. Noch konnte nicht überall auf die gestiegenen Fahrgastzahlen reagiert werden. Busse und Straßenbahnen seien deshalb stellenweise übervoll.

von Antje Kirsten

Erfurter Anger mit Haus Dacheröden und Straßenbahn
Seitdem in der Innenstadt flächendeckend Parkautomaten stehen, nutzen auch mehr Pendler Bus und Straßenbahn. Bildrechte: MDR/Carmen Ullmann

Ihr Wecker klingelt fünf Minuten früher. Sie will die Bahn schaffen und zwar die Bahn am frühen Morgen, die nicht so voll ist. Jeden Morgen fährt eine Erfurterin vom Ringelberg zur Arbeit ins Regierungsviertel. Und jeden Morgen nimmt sie die frühere Straßenbahn, denn die nächste ist so voll, dass sie befürchten muss nicht mitzukommen. Das neue Wohngebiet am Stadtrand hat viele junge Familie angezogen und die Erfurter Verkehrsbetriebe hatten hier am Ringelberg schon Gleise verlegt, als von den Häusern noch nichts zu sehen war. "Wenn wir den öffentlichen Nahverkehr so anbieten, dass der Takt passt, wir pünktlich und zuverlässig sind, lassen die Menschen ihr Auto stehen. Wir müssen da sein, bevor die Menschen überlegen, wie sie mobil sein wollen", sagt die Geschäftsführerin der Erfurter Verkehrsbetriebe, Myriam Berg.

Verkehrsbetriebe am Limit

Myriam Berg, Vorstand der Erfurter Verkehrsbetriebe (EVAG)
Myriam Berg, Vorstand der Erfurter Verkehrsbetriebe Bildrechte: dpa

Sie freut sich über teils zweistellige Zuwächse. So fahren auf der Linie 9, der längsten Bus-Linie in Erfurt, heute 15 Prozent mehr Menschen als noch vor fünf Jahren. Die Evag zählte im vergangenen Jahr rund 55 Millionen Fahrgäste, über zwei Millionen mehr als 2018 und mit 3,25 Prozent ist das der höchste Zuwachs seit Jahren. Das allerdings bringt die Verkehrsbetriebe an ihr Limit. "Die Busse sind im Berufsverkehr sehr voll. Auf der Linie ins Gewerbegebiet zu den Logistikunternehmen fahren wir zum Schichtwechsel mit vier bis fünf Gelenkbussen zu einer Abfahrt. Da reichen die Haltestellen nicht aus", so Berg.

Die Verkehrsbetriebe profitieren auch von der Begegnungszone. Seit Erfurt seine Innenstadt flächendeckend mit Parkautomaten bestückt hat und das Parken immer schwieriger wird, nutzen auch die Pendler Bus und Stadtbahn. "In der Brühler Vorstadt, wo das technische Rathaus gebaut wird und ein großer Parkplatz damit weggefallen ist, steigen die Leute auf den Nahverkehr um."

Längere Fahrzeuge angeschafft

Mehr Busse, mehr Bahnen, kürzerer Taktzeiten, kostenloses Fahren und mehr Stadtbahnlinien - die Wunschliste ist lang. Im Vorjahr hat die Evag 20 neue Busse bestellt, die ersten kommen im Sommer. 14 neue Straßenbahnen sind gekauft und die ersten sollen auch noch in diesem Jahr rollen.

Wir reagieren auf den Fahrgastandrang und haben uns für längere Fahrzeuge entschieden.

Myriam Berg, EVAG-Geschäftsführerin
Straßenbahn am Anger in Erfurt, 2012
Zu schwierig: Taktzeiten von Straßenbahnen zu verkürzen, sei in Erfurt problematisch. Bildrechte: imago images / Bild13

"Wir reagieren auf den Fahrgastandrang und haben uns für längere Fahrzeuge entschieden", sagt Berg. Die neuen Straßenbahnen sind 42 Meter und damit fast doppelt so lang wie die jetzigen. Die Taktzeiten zu verkürzen sei im Erfurter Straßenbahnnetz schwierig. Das Netz läuft sternförmig auf den Anger zu und fünf von sechs Linien müssen durch den Hauptbahnhofstunnel. "Dort fährt heute schon jede Minute ein Evag-Fahrzeug durch", sagt die Chefin und setzt perspektivisch auf neue Stadtbahnlinien. "Die Weichen müssen wir jetzt stellen, damit wir bis 2030 Planung und Geld geklärt haben. Trassen, die heute noch mit dem Bus abgefahren werden, wie die Linie 9, könnten neue Stadtbahnen sein. Auch auf der Strecke von der Messe bis nach Schmira und unterhalb des Schmidtstedter Knotens könnten weitere Gleise gelegt werden".

Kein kostenloses Ticket in Sicht

Von einem kostenlosen Ticket hält Myriam Berg hingegen nichts. "Das sei zwar eine politische Entscheidung. Aber was würde passieren? Wenn es nichts kostet, springen Fußgänger oder Radfahrer für ein, zwei Haltestellen in die Bahn. Die würde noch voller und die Fahrgäste, die wir gern vom Auto in die Bahn holen wollen, würden wir verprellen", ist sich die Verkehrsexpertin basierend auf Studien in anderen Städten sicher. Der Autofahrer würde in eine übervolle Bahn umsteigen und nach kurzer Zeit wieder sein Auto vorziehen. Das Bezahl-Ticket sei die wichtigste Finanzierungssäule. Der Fachmann spricht von nutzerfinanziertem ÖPNV. "Kostenlosen Nahverkehr gibt es nicht. Er muss entweder von den Fahrgästen oder von der Stadt bezahlt werden. Erfurt müsste jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag zahlen".

Erfurter lieben Bus und Straßenbahn

Innenstadt von Erfurt. Eine Drei-Personen-Gruppe steht neben einer Straßenbahn.
Vom Tisch: Ein Kurzstreckenticket ist in Erfurt kein Thema mehr. Bildrechte: MDR/Jakob Geßner

Das Geld solle besser in neue Stadtbahnlinien und die Ausstattung des Fuhrparks gesteckt werden. Auch wenn sich in den Hauptverkehrszeiten das Fahren oft anfühlt wie in einer Sardinenbüchse auf Rädern, die Erfurter lieben ihre Stadtbahn. Bei Umfragen heißt es immer wieder, bequemer könnte das Fahren nicht sein. Allerdings wünschen sich immer wieder Kunden auch ein Kurzstreckenticket. Das aber ist in Erfurt vom Tisch. Gemeinsam mit Jena hatte Erfurt mit dem Verkehrsverbund Mittelthüringen vor Jahren eine Untersuchung in Auftrag gegeben, wie und ob sich das Ticket rechnet. Das Gutachten ergab, zusätzliche Fahrgäste würden sicher gewonnen werden können, aber das Normalticket müsste deutlich teurer werden, um das Kurzstreckenticket mit zu finanzieren. Das Kurzstreckenticket für die Leute in der Innenstadt würde dann beispielsweise 1,60 Euro kosten und die, die im Erfurter Norden oder Süden wohnen, müssten 2,70 Euro und mehr zahlen.

Für die Bundesgartenschau 2021 sehen sich die Erfurter Verkehrsbetriebe gut gerüstet. "Wir werden die Buga-Linie vom Hauptbahnhof über den Anger und Domplatz bis zur Ega fahren lassen", so Berg. Mit den neuen Straßenbahnzügen reiche die Kapazität aus. Die Stadt kalkuliert mit rund zwei Millionen Buga-Besuchern. "Das schaffen wir doch Weihnachten auch", sagt die Evag-Chefin.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 22. Januar 2020 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 16:13 Uhr

23 Kommentare

Petra Stein vor 5 Wochen

@GrKlaus
1. Ich glaube, dass wohl 80% der Erfurter/innen den Bahnhofstunnel als Nadelöhr ansehen. Allein, dass dort keine Fahrräder fahren dürfen - ursprünglich geplant und in den ersten Wochen auch mit Radstreifen durchgeführt - spricht für sich. Die Haltestellen quasi zu verlängern, halte ich für keine gute Idee. Besser ist eine Entlastung durch einen zweiten Knotenpunkt.
2a. In Erfurt brauche ich keine kostenlose Fahrradmitnahme. Da sitze ich nämlich auf dem Rad und nur selten in der Bahn und entlaste sie so. Das ist sinnvoll.
2b. aber wenn ich nach Chemnitz fahre, dann wäre es sinnvoll.
3. Gute Idee. Das mit dem "Bürokratiemonster" ist wieder eine unbelegte Meinung.
4. Sie weichen schon wieder aus. Ich nutze den Bus häufig, z. B. heute und die Straßenbahn gelegentlich. Seit 2006 sind z.B. neue und bessere Bahnen hinzugekommen. Die Preiserhöhungen kann man nicht kritisieren, ist nun mal so bei Lebenshaltungskosten.

Ihre Meinung haben Sie bislang nicht durch konkrete Fakten belegt.

Grosser Klaus vor 5 Wochen

1. Die Haltestellen im Bahnhofstunnel sind nicht überlastet, allenfalls sind die Straßenbahnen zu kurz, da diese sehr oft in Einfachtraktion fahren. Man könnte ja auch die Haltestellenbereiche in Richtung Bahnhofsstraße verlängern.
2. In Erfurt gibt es in den Straßenbahnen und Bussen auch keine kostenlose Fahrradmitnahme.
Was die Fahrpreise, Strecken und Fahrpläne betrifft, einfach den Zustand vor und nach der VMT-Gründung vergleichen. Die Fahrpreisentwicklung in Erfurt liegt über dem Bundesverbraucherpreisindex (Teilindex Nahverkehr).
3. Na dann müssen Straßenbahnen gekauft werden. Man könnte so auch Kosten sparen, wenn man sie mit anderen VMT-Städten zusammenkauft, Stichwort Mengenrabatte. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Aktuell ist der VMT nur ein Bürokratiemonster.
4. Wenn sie nicht wissen, was sich bei der EVAG Erfurt seit 2006 alles verschlechtert hat, nutzen sie diese sicher nicht. Es ist mir jetzt zu müßig, alle Verschlechterungen wieder und wieder aufzuzählen!

Petra Stein vor 5 Wochen

1. Das Nadelöhr am Hauptbahnhof ist absolut überlastet. Wie sollen da noch mehr und noch längere Bahnen anfahren bei der bisherigen engen Taktung?

Sie sind wohl nicht aus Erfurt? Ich nämlich schon.

2. Als Fahrgast werde ich sicherlich wahnsinnig viel erreichen, wenn ich mit an den Verkehrsverbund wende. Sie denken wohl an "Eingaben" im Sinne der DDR, aber so funktioniert unsere Demokratie nicht. Solche Fragen müssen prinzipiell geklärt werden. Wie gesagt, denken Sie mal global, denken Sie auch an Berufspendler/innen zwischen Thüringen und Sachsen.

Die Fahrtkosten sind eine allgemeine Anpassung und immer noch relativ moderat. Wieviel mehr zahlen Sie denn pro Monat? Ich so ca. 2-3 Euros.
Wo konkret ist das Angebot schlechter geworden? Ansonsten ist das einfach eine Behauptung Ihrerseits.

3. Wie Sie im Artikel lesen können, wurde das bereits gemacht, aber es gibt zu wenig Bahnen.

4. Wo konkret gab es denn solche Änderungen zum Schlechteren? Bei der Linie 9 jedenfalls nicht.

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