08.08.2019 | 16:03 Uhr 15-Jährige sammelt für Obdachlose in Chemnitz

Janice Schmelzer und ihr Spendensparschwein Rosalie
Janice Schmelzer und ihr Spendensparschwein Rosalie Bildrechte: MDR/Anett Linke

Kurz vor Weihnachten im Jahr 2017 fing alles an. Die damals 13-jährige Janice Schmelzer war auf dem Weg, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen, als ihr ein frierender Obdachloser auffiel. "Vorher war mir das nie so aufgefallen, aber dann wollte ich helfen", sagt sie. Anstatt Geschenke für Familie und Freunde kaufte sie eine Mütze, Handschuhe, einen heißen Kaffee und eine Bratwurst und schenkte alles dem Obdachlosen. "In diesem Moment ist mir aufgefallen, in was für einem Luxus wir alle leben und das manche nicht mal das Nötigste haben. Das hat mich zum Umdenken gebracht."

Ihr Sparschwein aus Kindertagen funktionierte sie kurzerhand zu einem Spendenschwein um und taufte es liebevoll Rosalie. In ihr spart sie jeden Monat die Hälfte ihres Taschengelds und versucht auch ihre Freunde und Familie von Spenden zu überzeugen. Außerdem verkauft sie ihre alten Spielsachen oder ausgelesene Bücher. 450 Euro hat sie allein damit bisher gesammelt.

Mutter will sie vor Angriffen schützen

Ihre Mutter ist sehr stolz auf Janice. "Es begeistert mich, dass sie in so jungen Jahren schon so sozial denkt", sagt sie. "Und dass sie es mit solcher Begeisterung und auch Ernsthaftigkeit betreibt." Ihre Mutter unterstützt Janice vor allem in den Bereichen, die die Minderjährige allein noch nicht machen darf, zum Beispiel bei der Impressumspflicht der Website und bei der Auswahl der Kooperationspartner. Außerdem begleitet sie sie auf Treffen, um Spenden anzunehmen. "Ich möchte sie einfach schützen. Auch vor Angriffen verbaler Art." Vor allem im Internet sind diese bereits vorgekommen.

Um Argumenten wie "Damit unterstützt du ja bloß die Alkoholsucht" vorzubeugen, kauft Janice von dem gesammelten Geld Sachspenden, wie Hygieneartikel oder warme Mützen. Diese gibt sie dann im Tagestreff "Haltestelle" der Stadtmission Chemnitz ab. "Ich möchte selbst nicht entscheiden, wer die Sachen bekommt", erzählt die 15-Jährige. "Die Leute von der "Haltstelle" können besser einschätzen, wer es gerade am nötigsten braucht."

Obdachlose in Chemnitz Eine offizielle Statistik über Obdachlosenzahlen gibt es nicht. Die Stadtmission Chemnitz schreibt in ihrem Jahresbericht 2018, dass den Tagestreff "Haltestelle" 540 verschiedene Menschen genutzt hätten. Außerdem nahmen 154 Menschen die Hilfe der Straßensozialarbeiter in Anspruch.

"Das sind aber nur die Menschen, die unsere Angebote nutzen", sagt Nicole Albrecht, stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung Wohnungsnotfallhilfe der Stadtmission Chemnitz. Es gäbe auch noch weitere Anbieter und eine hohe Dunkelziffer.

Laut Albrecht ist die Zahl der Obdachlosen in den letzten Jahren gestiegen. Als Gründe vermutet sie nicht behandelte psychische Erkrankungen und eine höhere Vorsicht bei Vermietern. So sei es fast unmöglich für jemanden, eine neue Wohnung zu bekommen, wenn er einmal Mietschulden hatte.

Um mehr Menschen zum Mitmachen zu bewegen, stellte Janice ihr Anliegen und Rosalie beim "Kosmos Chemnitz" und bei den Filmnächten vor rund 400 Zuschauern vor. "Ich war anfangs schon sehr aufgeregt. Aber es hat super geklappt und die Leute haben schon während meiner Rede gespendet." Allein bei den Filmnächten kam eine dreistellige Summe zusammen.

Zukünftig hofft Janice, noch mehr Menschen für ihr Projekt begeistern zu können. Es gehe ihr dabei nicht nur um die Spenden. Viele würden Obdachlose gar nicht als Menschen ansehen. "Es gibt viele Gründe, warum jemand auf der Straße landet, aber keinen, sie nicht als Menschen zu behandeln."

Spendensparschwein Rosalie Um zu spenden oder das Projekt zu unterstützen, können Sie unter der E-Mail-Adresse spendensparschweinrosalie@web.de Kontakt aufnehmen.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.08.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

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6 Kommentare

10.08.2019 10:15 Günter Kromme 6

#1 Hallo MDR, danke für die Antwort und Darlegung ihres Standpunkts. Ich kann alles was sie schreiben soweit nachvollziehen und halte ihre Argumentation für richtig und realistisch, bis auf eine Sache: Glauben Sie wirklich man sollte einer Diskussion aus dem Weg gehen nur weil man negative Kommentare befürchtet? Wie soll man zu den Ursachen der gesellschaftlichen Zerwürfnisse im Land vordringen, wie soll man die beseitigen wenn Bemühungen um einen, wenn auch zuweilen schmerzlichen Dialog, blockiert werden? Solange man noch miteinander diskutiert besteht noch Hoffnung für den "Patienten", wenn es aber in offene Gewalt umschlägt wohl nicht. Und offene Gewalt gibt es schon punktuell von BEIDEN Seiten. Denken wir nur an Angriffe auf Politiker und Parteibüros, wie in Döbeln. Sich auf die Position eines Beobachters zurückzuziehen, nur darüber zu diskutieren was einem in den Kram passt ist sicher nicht wirklich hilfreich.

09.08.2019 22:01 mare nostrum 5

@ 3

Janice Schmelzer ist ein Beispiel für die Menschlichkeit.
Notlage ist nicht abhängig von der Hautfarbe, dem Geburtsort oder vom Glauben.

09.08.2019 20:28 Kirchenmitglied 4

Die Hilfsbereitschaft der jungen Frau ist absolut lobenswert. Ich hoffe, sie findet vor allem unter den jungen Chemnitzern weitere Nachahmer.

Eine Riesensauerei ist es hingegen, dass Chemnitz keine Obdachlosenstatistik führt. Ist das von der Stadtverwaltung etwa nicht gewollt? Hat man Angst, dass eine solche Statistik nach außen als Nestbeschmutzung wirken könnte? Welche Gründe sollte es sonst geben?

Die Vermutung von Frau Albrecht, dass der Anstieg der Obdachlosenzahlen auf nicht behandelte psychische Erkrankungen zurückzuführen ist, kann ich bestätigen. Kenne selbst einen im Stadtbild deutlich sichtbaren obdachlosen Mann, dem es so ergeht. Da sollten sich endlich mal Sozialamt und die psychiatrischen Kliniken an einen Tisch setzen.

09.08.2019 18:30 Guy Montag 3

Waehrend Politik und "Krieche" die Fernstenliebe propagiert, LEBT das Frl. Schmelzer die Naechstenliebe.

"Heimat" ist nicht nur das Land aus dem man stammt, sondern auch seine Ureinwohner.

Janice Schmelzer - ein echtes Vorbild nicht nur fuer die deutsche Jugend, sondern fuer alle Patrioten.

09.08.2019 16:12 ralf meier 2

@Günter Kromme: Zu Ihren Anmerkungen in allgemeiner Sache: Danke! Zur Veröffentlichung durch den MDR : Danke ! Zur Rückmeldung des MDR: Klar doch !

09.08.2019 09:43 Günter Kromme 1

Was die junge Frau da tut ist absolut super. Doch mal in allgemeiner Sache. Was bei der MDR-Berichtserstattung zur Zeit läuft ist ziemlich merkwürdig. Bei fast allen Berichten über die AfD, über Flüchtlinge und Asylanten u.ä. ist die Kommentarfunktion nicht mehr vorhanden, bei Jubelberichten über "Bunt" aber doch. Vor nicht all zu langer Zeit war das nicht so, warum wohl? Kann das was mit den Wahlen zu tun haben, wes Brot ich eß? Dazu mal zwei Namen, Krumbigel (tolle Eigenwerbung) und Höcke. Wird nicht immer Toleranz und Dialog statt Konfrontation gepredigt? Ich vermisse das immer mehr in diesem Land. Stattdessen prallen die "Wahrheiten" jeder Seite immer heftiger aufeinander, kann das noch lange gut gehen? Wielang kann man den Menschen noch solche Schmierentheater wie mit von der Leyen und AKK vorführen ohne sich selbst zu beschädigen?

[Lieber Günter Kromme,
kurz gesagt, das Prüfen der eingegangenen Kommentare und die Moderation unserer Kommentarspalten ist sehr arbeitsintensiv, deshalb können wir eine Kommentierung aller Artikel auf MDR.DE angesichts der Masse an Kommentaren, die uns erreichen, unmöglich leisten. Leider auch, weil uns einige Menschen im Schutz der Anonymität als Plattform für Hass und Hetze nutzen wollen. Das lassen wir nicht zu und entfernen konsequent alle Kommentare, die gegen unsere Netiquette https://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html verstoßen. Wir konzentrieren uns auf die Themen, bei denen wir eine Diskussion für sinnvoll halten. Es bleiben Artikel für die Kommentierung geschlossen, bei denen erfahrungsgemäß ein Großteil der Kommentare diskriminierend, menschenverachtend oder gewaltverherrlichend bzw. verfassungs- und presserechtlich bedenkliche sind. Wir vermeiden bei verschiedenen Artikeln zu einem Themenkomplex Dopplungen, damit nicht an mehreren Stellen zum gleichen Thema diskutiert wird und die Diskussion zerfasert. Bei Unfällen oder anderen Unglücken bleibt die Kommentarfunktion selbstredend geschlossen.
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