19.01.2020 | 18:52 Uhr 600-jähriges Bestehen: Crostwitzer feiern Jubiläum ihrer Sebastians-Bruderschaft

Mit Gottesdiensten und Prozessionen wird am Wochenende in Crostwitz der Gründung einer jahrhundertealten Gebetsgemeinschaft gedacht. Bis heute hat sich die zweitälteste Vereinigung im Bistum Dresden-Meißen ihre Anziehungskraft bewahrt.

In einer Lichterprozession zogen die Gläubigen am Sonntag anlässlich des Jubiläums durch den Ort und beteten unter anderem vor der Sebastiansstatue vor der Pfarrkirche.
In einer Lichterprozession zogen die Gläubigen am Sonntag anlässlich des Jubiläums durch den Ort und beteten unter anderem vor der Sebastiansstatue vor der Pfarrkirche. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Mehr als 100 Zuhörerinnen und Zuhörer kamen am Freitagabend in das Pfarrhaus der katholischen Gemeinde Crostwitz. Sie wollten hören, was Bistumsarchivarin Birgit Mitzscherlich über die Geschichte der Crostwitzer Sebastiansbruderschaft im Bautzener Domarchiv ausgraben konnte. Über Ursprung und Gründungsjahr der Bruderschaft lasse sich nur spekulieren, schickt die Historikerin vorweg.

"Wir haben die gedruckte Überlieferung aus dem Bennokalender von 1904, dass die Bruderschaft um 1420 entstanden ist. Das passt in die Zeit. Deshalb ist es recht, das zu feiern. Auch wenn wir den genauen Nachweis nie bringen können", sagt Mitzscherlich. Belegen lässt sich dagegen, dass im 15. Jahrhundert Pestepidemien in der Lausitz grassierten. In diesem Zusammenhang sind im Spätmittelalter deutschlandweit zahlreiche Sebastiansbruderschaften entstanden. Denn der Heilige Sebastian gilt den Christen als Schutzpatron gegen die Pest.

Eine Aufgabe der Bruderschaft: das Totengedenken pflegen

"Die Bruderschaften waren zum Einen dazu da, das gemeinschaftliche Totengedenken zu pflegen, zum Anderen den Lebenden schon vor Augen zu stellen, dass der Tod unweigerlich auf sie zukommt - manchmal schneller als man es erwartet - und auch zu wissen, dass man dann eingebettet ist in diese Gemeinschaft. Das war ein guter Grund, dem beizutreten", erklärt Birgit Mitzscherlich.

Zu wissen, dass andere Menschen einem auch über den Tod hinaus verbunden bleiben, muss auf viele Christen anziehend gewirkt haben. "Für manche arme Witwe wird es wichtig gewesen sein, zu wissen, dass sie gut begraben wird", mutmaßt Mitzscherlich. "Genauso, wie man gut und vorbereitet sterben wollte, wollte man auch gut beerdigt werden."

Bistumsarchivarin Birgit Mitzscherlich erläuterte den Crostwitzern am Freitag, was über die 600 Jahre alte Sebastiansbruderschaft im Domarchiv zu finden ist.
Bistumsarchivarin Birgit Mitzscherlich erläuterte den Crostwitzern am Freitag, was über die 600 Jahre alte Sebastiansbruderschaft im Domarchiv zu finden ist. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Hüterin der Bestattungskultur

In der Sebastiansbruderschaft waren die Gemeindemitglieder mit dieser Sorge gut aufgehoben. Aus Aufzeichnungen über das Vermögen der Bruderschaft lässt sich herauslesen, welche Bestattungskultur die Vereinigung pflegte. Da ist davon die Rede, dass dem Pfarrer neun Groschen gezahlt wurden, damit er für einen verstorbenen Angehörigen der Bruderschaft das Requiem zelebriert. Die Bruderschaft gab Geld für Leichentücher und die Verzierung von Särgen, erläutert Birgit Mitzscherlich.

Bemerkenswert ist außerdem die Funktion der Bruderschaft als Geldverleiherin. "Man konnte das Geld dem Pfarrer ja nicht unters Kopfkissen legen, also musste man vernünftig irgendwo hin damit. Deshalb ist es verliehen worden. Das haben alle Institutionen gemacht, die Geld hatten", erklärt Archivarin Mitzscherlich.

Tradition der Vorfahren bewahren

Aus den verbuchten Einschreibegebühren lässt sich ableiten, dass der Bruderschaft jährlich etwa 20 bis 30 neue Mitglieder beitraten. Mitzscherlich schließt daraus, dass die Gesamtzahl der Mitglieder lange stabil gehalten werden konnte. Denn ähnlich viele Mitglieder seien Jahr für Jahr verstorben. 1904 sollen der Bruderschaft 400 Menschen angehört haben.

105 Frauen und Männer zählt die Gemeinschaft heute. Eine 26-jährige Frau ist die jüngste Bruderschaftsangehörige. Georg Spittank engagiert sich als Sprecher der jahrhundertealten Vereinigung. Ihm ist wichtig, die Tradition seiner Vorfahren zu bewahren und weiterzuführen. "Die Gemeinschaft pflegen auch in der Kirche, das ist wichtig", betont Spittank. "Das ist wie bei jeder Sache, bei der Sportgemeinschaft oder einem Orchester, wenn die keine Gemeinschaft bilden, dann spielen die schlecht. Das ist in der Kirche genauso." Heutzutage werde viel über die Kirche geschimpft. Die Kirche sei veraltet, werde ihr vorgeworfen. "Das nützt uns gar nichts", sagt Georg Spittank. "Wir müssen alle nach vorne schauen und kritisch, mit lebendigem Geist nach vorne gehen."

Soziale Projekte als zusätzliche Aufgabe der Bruderschaft

Deshalb hat er sich auch bei der Erneuerung der Bruderschaft im Jahr 2000 unter Pfarrer Clemens Rehor eingebracht. Füreinander zu beten, Kranke zu besuchen und zu trösten, Verstorbene zum Grab zu geleiten, wie es den Bruderschaftsmitgliedern empfohlen wird, sei für ihn selbstverständlich. Spittank wünscht sich, dass sich die Kirche weiterentwickelt und neue Ideen verwirklicht. Er will aufzeigen, wie sich die Menschen beteiligen können.

Die Sebastiansbruderschaft widmet sich seit ihrer Erneuerung deshalb verstärkt sozialen Projekten. Spittank schätzt, dass die Bruderschaft inzwischen rund 50.000 Euro für Hilfsprojekte in Argentinien, Russland oder auf der Krim aufgebracht hat. Auch für die Propsteikirche in Leipzig und für die Erneuerung des Kirchendachs der Crostwitzer Pfarrkirche spendeten die Angehörigen der Bruderschaft.

Motor der Frömmigkeit

Der Crostwitzer Pfarrer Měrćin Deleńk mit dem Bruderschaftsbuch von 1683.
Der Crostwitzer Pfarrer Měrćin Deleńk mit dem Bruderschaftsbuch von 1683. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Warum es im Jahr 2000 zu einer Erneuerung der Bruderschaft kam, führt der Crostwitzer Gemeindepfarrer Měrćin Deleńk auf kirchenpolitische Veränderungen zurück: "Ich nehme an, dass viele Dinge im Zuge des zweiten Vatikanischen Konzils als alt galten und nicht mehr der Zeit entsprechend - auch so fromme Bruderschaften. Und da ist einiges in Vergessenheit geraten. Aber manche haben gesagt: Meine Väter waren schon da und ich will das auch für mich. Und so hat man diese Bruderschaft wiederbelebt - auch aus dem Gedanken heraus, die Verbindung in der Familie zu haben."

Deleńk freut sich, dass die Bruderschaft bis heute besteht und rund um das Jubiläum etliche Menschen neu beitraten. "Wir haben in unseren sorbischen Pfarreien überall sehr gute Beteiligung bei Beerdigungen. Man geht an den Sarg zum Beten. Und ich denke, die Bruderschaft ist der Motor für diese Art Frömmigkeit, die wir heute noch bei uns haben."

Beim Gedanken ertappt, der Bruderschaft beizutreten

Frank Zschorlich hat dem Vortrag der Bistumsarchivarin im Pfarrhaus aufmerksam zugehört. "Ich bin keiner, der viel betet", sagt er. Er könne deshalb nicht ganz nachvollziehen, warum sich Menschen der Bruderschaft anschließen. "Aber ich erkenne an, dass das eine sinnvolle Gemeinschaft ist für Leute, die sowas brauchen, die sowas suchen, eine Gebetsgemeinschaft." Für ihn sei das nichts. Dennoch ertappe er sich bei dem Gedanken der Bruderschaft beizutreten. "Das hätte ich vor ein paar Wochen noch nicht gedacht. Ich werde es wahrscheinlich kurzfristig tun. Aber so wie man seine Ansichten im Leben ändert, so kann ich mir vorstellen, dass das eines Tages so eintritt", sagt Zschorlich.

Die Jubiläumsfeierlichkeiten Mit einem Festgottesdienst mit Bischof Heinrich Timmerevers wird das 600-jährige Bestehen der St. Sebastians-Bruderschaft am Montag in Crostwitz gefeiert. Am Sonntag gab es bereits eine Lichterprozession durch den Ort. Vor Ostern soll dann noch eine Ausstellung zur Geschichte der Bruderschaft im Crostwitzer Michał-Hornig-Haus eröffnen. Für September ist anlässlich des Jubiläums ein historisches Theaterstück unter freiem Himmel geplant.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 20.01.2020 | ab 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 18:52 Uhr

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