Wärmestube und Wohnhilfe Was Obdachlosen-Einrichtungen von der Stadt Halle fordern

Soziale Einrichtungen wie die Wohnhilfe und die Wärmestube kümmern sich in Halle um Menschen, die keine Wohnung haben. Was sich Sozialarbeiter wünschen, um Obdachlosen noch besser helfen zu können.

 Ein Obdachloser liegt unter einer Decke in einem Eingang einer Kirche in Kreuzberg. Zum ersten Mal werden in einer großangelegten und systematischen Aktion Obdachlose in einer deutschen Großstadt gezählt.
Menschen ohne Wohnung können in Halle in mehreren Einrichtungen Hilfe bekommen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Menschen in Halle obdachlos sind. Eine Statistik dazu gibt es nicht. Hilfsangebote wie die Bahnhofsmission, die Wohnhilfe oder die Wärmestube können lediglich zählen, wie viele Menschen zu ihnen kommen.

Heiko Wünsch leitet die Wärmestube in Halle. Die Wärmestube ist eine soziale Einrichtung, bei der Menschen Hilfe bekommen, die in eine prekäre Lebenssituation geraten sind. Es gibt in der Tageseinrichtung im Steinweg beispielsweise Mahlzeiten, eine Dusche und eine Waschmaschine. "Die Menschen, die hier in der Wärmestube ankommen, sind in einer ganz großen Notsituation", betont Wünsch. Die also obdachlos seien, nichts zu essen oder keine Krankenversicherung hätten, obwohl sie chronisch krank seien, nennt er einige Beispiele.

Warme Speisen und sozialer Kontakt

Manche, die in die Wärmestube kommen, sind laut Wünsch zwar nicht mehr in einer dermaßen prekären Situation, aber dennoch sehr arm. Sie könnten es sich nicht leisten, zum Beispiel in ein Café zu gehen und dort einen Kaffee zu kaufen, sagt Wünsch. Stattdessen sind sie auf die staatlich subventionierten Speisen in der Wärmestube angewiesen: Dort kostet eine warme Suppe 1,70 Euro, ein Kaffee 25 Cent. Oft seien diese Menschen außerdem einsam und hätten keine sozialen Kontakte. "Sie sind aus der Gesellschaft irgendwie herausgefallen", beschreibt Wünsch. Er fordert daher, dass auch diese Menschen an der Gesellschaft teilhaben können und nicht vergessen werden.

Dass das Essen in der Wärmestube in Halle nicht gratis ausgegeben wird, hat zwei Gründe: "Wir sind der Meinung, dass Lebensmittel grundsätzlich einen Wert haben – und deswegen verschenken wir es nicht", erklärt Wünsch. Und: "Es hat etwas mit Würde zu tun, wenn der Mensch in der Lage ist, seinen Kaffee oder seine Suppe selber bezahlen zu können."

Mehr Sozialarbeiter, um Obdachlosen zu helfen

Ein Mann vor einem Diakonie-Standort
Heiko Wünsch leitet die Wärmestube in Halle. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Um Menschen in schwierigen Situationen noch besser helfen zu können, fordert Wünsch von der Stadt Halle einen weiteren Sozialarbeiter. Und zwar will Wünsch dafür einen sogenannten Streetworker. Also eine Person, die Obdachlose oder Alkohol trinkende Menschen an bestimmten Orten der Stadt aufsuchen kann, mit ihnen ins Gespräch kommt und sie auf Hilfsangebote aufmerksam macht. Bisher gebe es Streetworker aber nur in der Jugendarbeit, für die bis 25-Jährigen, nicht für ältere Erwachsene.

Eine ähnliche Forderung hat auch die Teamleiterin für staatliche Wohnhilfe, Christine Gebhardt. Im Haus der Wohnhilfe können Menschen in Halle, die ihre Wohnung verloren haben, vorübergehend eine Unterkunft finden. Auch Gebhardt wünscht sich einen vierten Sozialarbeiter für das Haus.

Obdachlosenunterkünfte der Stadt Halle

Im Haus der Wohnhilfe in Halle können wohnungslose Einzelpersonen und auch Familien untergebracht werden. Insgesamt gibt es in dem Haus 153 Plätze. Die Wohnungslosen werden ganztägig betreut. Maximal ein Jahr bis anderthalb Jahre sollen die Familien in der Einrichtung bleiben, sagt die Heimleiterin, Christine Gebhardt. Während dieser Zeit werden sie bei Behördengängen unterstützt, etwa beim Beantragen eines Personalausweises oder einer Krankenversicherung.

Darüber hinaus gibt es in Halle ein Notquartier mit 28 Plätzen. Die Unterkunft im Notquartier ist kostenlos. Die Plätze werden von Nacht zu Nacht neu vergeben.

Nicht alle Menschen, die wohnungslos werden, müssen auf diese Einrichtungen zurückgreifen. Viele können zeitweise etwa bei Verwandten oder Bekannten unterkommen.

Wenn Streetworker, dann zwei

Und diese Sozialarbeiter-Stelle sei sicherlich sehr sinnvoll, sagt die Beigeordnete für Bildung und Soziales der Stadt Halle, Katharina Brederlow. Denn es gebe auch eine Trainingswohnung für Menschen, die wohnungslos seien und wieder mietfähig werden sollen – also lernen, eine Wohnung sauber zu halten. "Die brauchen eine Betreuung und einen Ansprechpartner", sagt Brederlow.

Ein Sozialarbeiter für Erwachsene, wie auch Wünsch einen fordert, steht laut Brederlow in diesem Jahr aber noch nicht auf dem Plan. Zumal ein Streetworker nicht allein unterwegs sein sollte, sondern immer zu zweit: "Gerade, wenn ich sage, auch Alkoholkonsum spielt eine Rolle – jemand, der alkoholisiert ist, kann auch aggressiv werden", sagt Brederlow.

Straßenumfrage Wie Menschen in Halle mit Obdachlosen umgehen

Frau mit Kinderwagen
"Wenn ich Obdachlosen etwas gebe, Geld, oder vielleicht eine Pfandflasche, die ich gerade dabei habe, dann achte ich schon darauf, wie die sich geben. Ich entscheide dann situationsbedingt. Manche schreiben ja so lustige Sachen auf Zettel wie beispielsweise "Für Bier". Ich habe eine Freundin, die Obdachlosen manchmal ein Brötchen vorbeibringt, das aber dann nett verpackt, so ‚Gerade ein Brötchen zu viel gekauft.‘ In die Situation bin ich aber noch nicht gekommen.
Ich glaube nicht, dass ich zu Weihnachten Obdachlosen mehr gebe. Ich habe sogar das Gefühl, dass momentan weniger Obdachlose in der Innenstadt unterwegs sind. Vielleicht wegen des Weihnachtsmarktes. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ordnungsamt da mehr hinterher ist."

Vanessa Weise
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
Frau mit Kinderwagen
"Wenn ich Obdachlosen etwas gebe, Geld, oder vielleicht eine Pfandflasche, die ich gerade dabei habe, dann achte ich schon darauf, wie die sich geben. Ich entscheide dann situationsbedingt. Manche schreiben ja so lustige Sachen auf Zettel wie beispielsweise "Für Bier". Ich habe eine Freundin, die Obdachlosen manchmal ein Brötchen vorbeibringt, das aber dann nett verpackt, so ‚Gerade ein Brötchen zu viel gekauft.‘ In die Situation bin ich aber noch nicht gekommen.
Ich glaube nicht, dass ich zu Weihnachten Obdachlosen mehr gebe. Ich habe sogar das Gefühl, dass momentan weniger Obdachlose in der Innenstadt unterwegs sind. Vielleicht wegen des Weihnachtsmarktes. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ordnungsamt da mehr hinterher ist."

Vanessa Weise
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
ältere Frau vor Straßenbahn
"Ich habe nicht so oft Kontakt mit Obdachlosen. Wir haben so viele Bettler in der Innenstadt, aber man muss da erst einmal unterscheiden lernen, welche in Truppen abgesetzt werden und welche wirklich auf der Straße leben. Die Obdachlosen tun mir sehr leid. Ich spende generell auch manchmal etwas, zum Beispiel in die Spendendosen, die in der Apotheke manchmal stehen. Wenn ich Obdachlosen etwas gebe, dann meist Geld. Ich denke, das wollen die mehr als Brötchen oder so.
Und dass das Geld für Drogen ausgegeben wird, kann man ja doch nicht verhindern. Die besorgen sich ja trotzdem irgendwo ihren Alkohol. Die Leute tun mir auch wirklich leid."

Ute Dietrich
Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag
Mann von hinten
"Das sind ja Menschen genauso wie ich, warum sollte ich die alle über einen Kamm scheren. Es kann ja jeder in so eine Situation kommen. Manchmal gebe ich denen Geld.
Solange die Obdachlosen das für Lebensmittel ausgeben und nicht für Genussmittel, würde ich das jederzeit wieder machen. Mit der Zeit kennt man die ja schon und weiß, wem man was gibt und wem nicht."

Gerd, möchte seinen vollen Namen nicht nennen und nicht von vorn fotografiert werden
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
junger Mann
"Ich denke schon, dass ich das manchmal ein bisschen ausblende oder ignoriere. Aber ich hole auch gern etwas für einen Obdachlosen oder schmeiße ein bisschen Geld rein. Es ist jetzt nicht so, dass ich das täglich mache, aber manchmal gebe ich denen schon etwas. Vielleicht zu Weihnachten auch öfter.
Das letzte Mal war vergangene Woche. Da bin ich einfach zum Bäcker und habe dem ein Käsebrötchen geholt. Er war sehr dankbar, das hat sich schon gut angefühlt. Aber ich guck natürlich auch, wenn es ein Junkie ist, dann gebe ich dem nicht gern Geld."

Salim Runge
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
Bork Schaetz
"Ich begegne selten Obdachlosen, in der Regel gehe ich an ihnen vorbei, ignoriere sie eher. Wenn ich Ihnen etwas gebe, dann meistens Geld, das hat man schnell zur Hand.
Wofür sie das ausgeben, ist mir nicht wichtig. Ich habe dann zwar das Gefühl, dass ich ihnen damit helfe, aber sicher bin ich nicht – vielleicht stecken ja auch professionelle Menschen dahinter, die jemanden vorschicken, um Geld einzusammeln."

Bork Schaetz
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
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Schuldnerberatung als Prävention und günstiger Wohnraum

Um das Problem Obdachlosigkeit besser lösen zu können, wünscht sich Brederlow daher, dass Mietschulden gar nicht so sehr aufliefen. Dann müssten Menschen gar nicht aus ihren Wohnungen raus. Dafür sollen Beratungsangebote aufgestockt werden. "Wir wollen in diesem Jahr mit den Schuldnerberatungen gemeinsam sehen, welchen Bedarf es gibt." Auch der Fachbereich Soziales der Stadt habe selbst eine Schuldnerberatung. "Ich denke, wenn man da eher eingreifen kann, ist das immer besser", sagt Brederlow.

Außerdem wünscht sich Brederlow, dass beim Wohnungsneubau oder bei Sanierungen daran gedacht werde, dass auch Wohnungen für Menschen mit geringem oder gar keinem Einkommen gebraucht würden. "Dass der Wohnraum nicht zu teuer wird", sagt sie. Die Hallesche Wohnungsgesellschaft (HWG) mache dazu bereits ein erstes Projekt, bei dem sozial Benachteiligten Wohnungen zur Verfügung gestellt würden. "Da hoffe ich, dass das Schule macht", so Brederlow.

Spenden an die Wärmestube

Die Wärmestube Halle erhält Spenden. Zum einen nimmt die Einrichtung Sachspenden an – allerdings nur das, was gerade wirklich gebraucht wird, da es kaum Lagerkapazitäten gibt. Derzeit benötigt würden Rucksäcke und Straßenbahnfahrscheine, damit die Menschen zu den Ämtern kommen könnten, sagt Wünsch. Eine aktuelle Liste der gesuchten Sachspenden gibt es hier. Abgesehen davon können Geldspenden überwiesen werden.

Wer sich ehrenamtlich engagieren will, kann zudem Zeit spenden und in der Wärmestube helfen. Die Anzahl der Stunden sei dabei egal, so Wünsch. Wichtig aber: Menschlichkeit. Und die Motivation, etwas Gutes tun zu wollen.

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Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 13. Februar 2020 | 14:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2020, 15:44 Uhr

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