Interview mit Experten Antibiotikaresistenz: "Im Moment sind die Bakterien schneller als wir"

Prof. Christoph Lübbert ist Leiter der Infektiologie am Uniklinikum Leipzig. "Hauptsache Gesund"-Redakteurin Jana Olsen hat mit dem Mediziner über den allgemeinen Stand der Antibiotika-Forschung und den Umgang mit den Präperaten an seiner Klinik gesprochen.

Prof. Christoph Lübbert ist Leiter der Infektiologie am Iniklinikum Leipzig.
Prof. Christoph Lübbert ist Leiter der Infektiologie am Iniklinikum Leipzig. Bildrechte: Uniklinik Leipzig

Es gibt immer noch Fälle von multiresistenten Keimen, bei denen die Medizin machtlos ist. Braucht es neue Antibiotika?

Prof. Christoph Lübbert: Die Entwicklung in diesem Bereich ist eingeschlafen, weil man mit neuen Antibiotika nicht das große Geld verdienen kann. Es sind schon knallharte marktwirtschaftliche Dinge, die da mit hinein spielen. Wir sind stets in einem biologischen Wettlauf mit Krankheitserregern. Gerade Bakterien verändern sich unablässig, passen sich an andere Bedingungen an. Wir müssen mit deren Evolution Schritt halten und eigentlich mit unseren Antibiotika einen Tick schneller sein, dann hätten wir die Resistenzen 100-prozentig  im Griff. Im Moment sind die Bakterien schneller als wir Menschen und unsere Forschung.

Bei Ihnen an der Klinik gibt es ein spezielles "ABS-Team". Es berät, welches Antibiotikum ein Patient bekommt. Wofür steht ABS?

Prof. Christoph Lübbert: ABS steht für den englischen Begriff "antibiotic stewardship". Das heißt, ein Expertenteam sorgt dafür, dass die Patienten die bestmögliche Infektionsbehandlung mit Antibiotika bekommen. In so ein Team gehören als Leiter ein Infektiologe, ein klinischer Mikrobiologe, ein klinischer Apotheker, ein klinischer Pharmazeut und auch jemand aus der Krankenhaus-Hygiene. Gemeinsam stellen sie sicher, dass die Patienten die individuell beste Antibiotikabehandlung bekommen.

Konnte damit der Einsatz von Antibiotika gesenkt werden?

Prof. Christoph Lübbert: Wir kommen heute in unserem großen Klinikum mit 20 Prozent weniger Antibiotika aus, als noch vor sechs, sieben Jahren. Wir haben wirklich die Qualität der Infektionsbehandlung verbessert und setzen dafür weniger Antibiotika ein. Und das führt auch messbar dazu, dass zum Beispiel weniger durch Antibiotika ausgelöste Durchfallerkrankungen auftreten.

Hat es auch bei der Behandlungslänge ein Umdenken gegeben?

Prof. Christoph Lübbert: Wenn man zu lange Antibiotika gibt, kann es Schäden durch die Antibiotika geben. Zum Beispiel, weil die Darmflora sehr zerstört wird. Da passen wir gut auf, dass wir nicht zu lange behandeln. Früher hat man eine ambulant erworbene Lungenentzündung zehn Tage oder länger behandelt. Aber man weiß heute, wenn man die Therapie richtig wählt und alles richtig macht, dann reichen fünf bis sieben Tage.

In Hausarztpraxen gibt es nicht die Diagnose-Möglichkeiten, die Sie im Krankenhaus haben?

Prof. Christoph Lübbert: Das stimmt. Im Idealfall habe ich in zwei Stunden schon Laborergebnisse auf meinem Rechner. So schnell geht es ambulant meistens nicht zu. Aber man kann sich helfen, zum Beispiel mit dem CRP-Schnelltest bei der Beurteilung von Atemwegsinfektionen. Den kann der Arzt in der Praxis selbst machen. Antibiotika werden auch von den Hausärzten inzwischen sehr viel kritischer gesehen. Da gibt es eine positive Entwicklung in Deutschland. Die ist noch nicht am Ende, aber es geht in die richtige Richtung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 06. Februar 2020 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2020, 17:22 Uhr