Wahl zum Ministerpräsidenten Was denken die Wähler in Thüringen?

Die Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen hat für ein Beben in der Parteien-Landschaft gesorgt. Was halten die Wähler davon? Die Bürger in der Karnevalstadt Wasungen sind geteilter Ansicht.

Der berühmte Karnevalsumzug in Wasungen startet am kommenden Samstag – dabei wird auch die Politik auf die Schippe genommen. Doch angesichts des derzeitigen Chaos rund um den Erfurter Landtag haben es die Narren aus Südthüringen nicht leicht. 

Figur für Karnevalswagen, hier - Angela Merkel
Ein Merkel-Kopf für einen Karnevalswagen zum Umzug in Wasungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei einem Besuch in der Scheune, in der die Karnevalisten ihre Wagen vorbereiten, kann man verschiedene Merkel-Köpfe aus vorigen Karnevals-Saisons sehen. Ein besonders erstaunter passt zu den Erfurter Chaos-Tagen. "Das war wohl der Gesichtsausdruck der Bundeskanzlerin, als sie das von Thüringen gehört hat", sagt Roland Artus und lacht auf. Neben Merkel haben die Männer auch ihren ehemaligen überlebensgroßen Ministerpräsidenten aus dem Depot geholt. Die Bodo-Ramelow-Figur soll wieder dabei sein. Nur mit welchem Spruch auf dem Wagen, das ist noch nicht klar.

Von der Wahl des liberalen Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten waren die Hobby-Satiriker überrascht. Dennoch hätten sie ihm eine Chance gegeben. "Ich hätte gut mit dem Mann leben können", sagt Marco Eichhorn. Er ist erschüttert von der Hetze, die für Kemmerich folgte. "Dass man gleich am nächsten Tag dessen Kinder unter Polizeischutz stellen muss – das ist traurig."

Das politische Klima wird rauer

Das politische Klima wird rauer und die politischen Lager gehen immer unversöhnlicher miteinander um. Darunter leide die  Demokratie, sagt Thomas Wey vom Karnevalsverein. Er ist in der Lokalpolitik aktiv, sitzt für die Freien Wähler im Stadtrat von Wasungen und sagt: "Die AfD hat ihr Ziel erreicht, Chaos zu inszenieren und die Demokratie zu diskreditieren." Die Alternative für Deutschland wolle Unsicherheit in der Bevölkerung schüren und sich "als die darstellen, die es wieder richten". Der Aufbau von Fronten werde weiter voranschreiten.

Rund 4.000 Menschen leben in der Karnevalshochburg zwischen Rhön und Thüringer Wald. Die Wasunger haben bei der Landtagswahl im Oktober 2019 ähnlich gewählt, wie der Rest des Landes. Die Linke ist stärkste Kraft, dahinter AfD und CDU.

Dass zwischen den verschiedenen Positionen ein Riss klafft, spüren auch die Reporter von MDR-exakt. Auf dem Kinderkarneval am vergangenen Sonntag äußern viele ihren Unmut über die politische Situation, und einige offene Sympathien für die AfD. Doch niemand ist bereit, vor der Kamera über Politik zu sprechen.

Wahl des Ministerpräsidenten ist einziges Thema

Die Wasunger auf diesem Familienfest für den Nachwuchs befürchten, für ihre Meinung öffentlich kritisiert zu werden – und die Skepsis gegenüber den Medien ist groß. Doch warum ist das so?

Zwei Männer stehen in einer Werkhalle.
Die Wasunger Feuerwehrmänner machen auch die CDU verantwortlich für die verfahrene Situation in Thüringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich sag mal, man hat schnell was Falsches gesagt und wird in eine Ecke gestellt, wo man vielleicht gar nicht hingehört", erklärt das Wasunger Urgestein Karl-Walter Ehmcke. Er ist seit 55 Jahren im Verein für Stadtgeschichte aktiv. Er kennt die Befindlichkeiten der Einwohner gut. Es gebe derzeit kein anderes Thema als die Wahl des Ministerpräsidenten in der Stadt. "Egal aus welcher politischen Richtung oder welchem Lager, es finden alle unmöglich."

Immerhin wollen sich die Mitglieder des Feuerwehrvereins zum politischen Chaos in Erfurt äußern. Die Ehrenamtler machen auch die CDU verantwortlich für die verfahrene Situation. Die kategorische Absage gegenüber Ramelows Linkspartei sei in Zeiten instabiler Mehrheitsverhältnisse nicht haltbar. "Der Ansatz war ja von Mike Mohring schon gegeben", sagt einer der Männer. Der CDU-Fraktionschef war bereit, mit Bodo Ramelow zusammen zu arbeiten. "Aber da wurde ja aus Berlin gesagt: Nö, geht gar nicht." Ein anderer ergänzt: "Das grüne Herz Deutschlands schlägt gerade nicht – und das gefällt keinem hier."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 12. Februar 2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2020, 05:00 Uhr