DLRG und Schwimmprofi warnen 60 Prozent der Kinder können nach der Grundschule nicht richtig schwimmen

Die DLRG warnt, Deutschland sei auf dem Weg, ein "Land der Nichtschwimmer" zu werden. 60 Prozent der Kinder könnten, wenn sie die Grundschule nach der vierten Klasse verlassen, nicht richtig schwimmen. Schwimmprofi Franziska van Almsick betont: Schwimmunterricht ist lebenswichtig.

Ein Schwimmlehrer erklärt Kindern Schwimmbewegungen.
Jede vierte Grundschule kann nach Angaben der DLRG keinen Schwimmunterricht mehr anbieten. Bildrechte: IMAGO

Die Zahl der sicheren Schwimmer sinkt in Deutschland seit Jahren. Nach Angaben des Präsidenten der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), Achim Haag, können fast 60 Prozent der Kinder beim Verlassen der Grundschule nach der vierten Klasse nicht sicher schwimmen. Deutschland sei auf dem Weg, ein "Land der Nichtschwimmer" zu werden.

Jede vierte Grundschule ohne Schwimmunterricht

Als Grund für dafür nannte Haag bei einer Expertenanhörung im Sportausschuss des Bundestags am Mittwoch, dass immer mehr Schwimmbäder marode seien und schließen müssten.

Haag nannte Schwimmbäder Teil der Daseinsvorsorge. Immer mehr Hallen würden aber schließen – gerade auf dem Land seien viele Bäder marode. Nach Angaben der DLRG können ein Viertel aller Grundschulen in Deutschland deshalb keinen Schwimmunterricht anbieten.

Schwimmprofi: Schwimmen ist lebenswichtig

 Das Waldbad im Harzort Elend. Rund 20 bis 30 Elender arbeiten ehrenamtlich jeden Tag im Sommer im Bad. 30 min
Das Waldbad im Harzort Elend. Rund 20 bis 30 Elender arbeiten ehrenamtlich jeden Tag im Sommer im Bad. Bildrechte: MDR/Lisa Hentschel

Auch die frühere Schwimmweltmeisterin Franziska van Almsick äußerte sich besorgt. Ihrer Einschätzung nach haben Kinder heute weniger Möglichkeiten als in der Vergangenheit, Schwimmen zu lernen. Als Grund nannte van Almsick bei MDR AKTUELL ebenfalls die Schließung von Bädern.

Van Almsick betonte, für jedes Kind, das nicht schwimme könne, bestehe potenziell die Gefahr zu ertrinken. Deshalb sei das Schwimmenlernen wichtiger als die zweite oder dritte Fremdsprache.

Franziska van Almsick anläßlich der Verleihung des Medienpreises aus Baden-Württemberg Radio Regenbogen Award am 07.04.2017 im Europapark Rust.
Franziska van Almsick Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Jetzt wird es gravierend. Jetzt steigen die Zahlen der ertrinkenden Kinder. Ich möchte gar nicht an die Zahlen denken, wie wenig Erwachsene tatsächlich gut oder überhaupt schwimmen können. Ich glaube, dass wir da Missstände aus der Vergangenheit aufzuarbeiten haben.

Franziska van Almsick, ehem. Schwimm-Weltmeisterin

Großer Sanierungsbedarf auf dem Land

Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland 1.400 Bäder dicht gemacht – im Durchschnitt 80 pro Jahr. Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag wehrt sich dennoch gegen den Begriff "Bädersterben" und spricht von einer Skandalisierung der Lage. Es würden zwar mehrere kleinere Bäder geschlossen. Diese würden aber in Größeren zusammengefasst und damit ersetzt, sodass keine Wasserfläche verloren ginge. Allerdings räumte er ein, dass viele Bäder, gerade auf dem Land sanierungsbedürftig seien.

Den Sanierungsbedarf der Deutschen Schwimmbäder hat auch die DLRG berechnet und fordert vom Bund eine Soforthilfe von 4,5 Milliarden Euro, um die Schwimmhallen in Stand zu setzen. Weitere 14 bis 15 Milliarden Euro seien dann nötig, um die Bäder langfristig zu unterhalten, sagte DLRG-Sprecher Achim Wiese. Diese Zahlen stehen in krassem Widerspruch zu den Mitteln, die der Bund bisher tatsächlich für die Schwimmbäder vorgesehen hat – lediglich 110 Millionen Euro.

Bund betont Zuständigkeit von Ländern und Kommunen

Mit dem Thema hat sich auch bereits der Petitionsausschuss des Bundestages beschäftigt, dem die DLRG ihr Anliegen vorgetragen hat. Aus dem Ausschuss heißt es, man sei sich fraktionsübergreifend einig, dass Handlungsbedarf bestehe. Allerdings könne der Bund das Problem nicht allein lösen. Kommunen, Länder und Bund müssten hier an einem Strang ziehen, sagte die Baustaatssekretärin im Bundesinnenministerium, Anne Katrin Bohle (SPD).

Das Innenministerium verwies auf die Zuständigkeit der Kommunen beim Schwimmbadbau. Die Verantwortung der Finanzierung liege derweil zum Teil bei den Ländern. Der Bund stelle Fördergelder für den Neubau und die Sanierung von Bädern bereit. So könnten zum Beispiel auch Gelder aus dem Fond "Sanierung kommunaler Einrichtungen im Bereich Sport, Jugend und Kultur" beantragt werden. In diesem Fonds stehen aktuell 750 Millionen Euro bereit. In vorigen Förderungen wurden daraus nach Ministeriumsangaben bereits 22 Schwimmbäder für insgesamt 50 Millionen Euro saniert. Auch aus anderen Bundesprogrammen lassen sich Mittel für Schwimmbäder verwenden – einen genauen Überblick über die Gesamtmenge hat die Bundesregierung allerdings nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Januar 2020 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2020, 14:22 Uhr

19 Kommentare

Heidrich Udo vor 5 Wochen

Ergänzung: interessant wäre in diesem Zusammenhang an wie vielen POS / Grundschulen es bundesweit oder bundeslandweit Schwimmmöglichkeiten von 1945-1991 gab und heute gibt; hier gibt es seit 1973 eine Schwimmhalle für den gesamten Landkreis die von ortsansässigen Betrieben und in freiwillig unbezahlten Arbeitsstunden /sog. Subotniks wegen X. Festival der Jugend, geplant, finanziert und gebaut wurde.
Für eine Mark duschten dort viele 1 x pro Woche, weil Wohnungen weder Bad noch Dusche sondern Plumsklo hatten, während der Sport- und Schwimmstunde

Heidrich Udo vor 5 Wochen

interessant wäre in diesem Zusammenhang an wie vielen POS / Grundschulen es bundesweit oder bundeslandweit Schwimmmöglichkeiten von 1945-1991 gab und heute gibt; hier gab es seit 1973 eine Schwimmhalle für den gesamten Landkreis

Heidrich Udo vor 5 Wochen

WIE WICHTIG IST SCHWIMMEN?
in Diskussionen unter Arbeitskollegen kam heraus das die Dorfbewohner nahe der Stadt nie Schwimmen lernten. Der Großvater und der Bäcker die konnten das und fiel mal jemand in den Dorfteich holte man einen von beiden.
War niemand da oder kamen sie zu spät gab es Eintrag in die Ortschronik