Schüler während einer Unterrichtsstunde
Thüringen zählt beim Thema politische Bildung an Schulen zu den Schlusslichtern in Deutschland. Auch Sachsen und Sachsen-Anhalt liegen unter dem Bundesdurchschnitt. Bildrechte: imago images / photothek

Schulen Politische Bildung im Osten besonders mangelhaft

Der Fall der Mauer vor 30 Jahren bedeutete den Beginn der Demokratie im Osten Deutschlands. Für junge Menschen ist es heute selbstverständlich, in einem demokratischen System zu leben. Zu selbstverständlich, so eine häufige Kritik. Das Verständnis, was eine Demokratie auszeichnet und warum es sich vor 30 Jahren lohnte, dafür zu kämpfen, muss heute erst vermittelt werden. Doch gerade die ostdeutschen Bundesländer haben bei der politischen Bildung in Schulen noch einiges nachzuholen.

Schüler während einer Unterrichtsstunde
Thüringen zählt beim Thema politische Bildung an Schulen zu den Schlusslichtern in Deutschland. Auch Sachsen und Sachsen-Anhalt liegen unter dem Bundesdurchschnitt. Bildrechte: imago images / photothek

Dass politische Bildung ihren Platz im schulischen Alltag haben soll, ist heute unbestritten und in den jeweiligen Bildungsaufträgen der Länder festgehalten. Kernfach in Thüringen und Sachsen-Anhalt ist Sozialkunde. In Sachsen wird politische Bildung im Fach Gemeinschaftskunde/ Rechtserziehung vermittelt. Auch in Geschichte und Ethik soll politische Bildung eine Rolle spielen. Kinder und Jugendliche sollen zu mündigen Bürgern erzogen werden – die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

Eine im März 2019 veröffentlichte Rangliste der Universität Bielefeld zeigt allerdings, dass gerade die ostdeutschen Bundesländer in Sachen politischer Bildung Nachholbedarf haben. Die Studie misst den Anteil der politischen Bildung an der gesamten Lernzeit. Schlusslicht für alle Schularten zusammen bildet zwar Bayern, dahinter folgt jedoch gleich Thüringen. Auch Berlin gehört zu den als besonders "defizitär" bezeichneten Ländern. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt liegen zudem unter dem Bundesdurchschnitt.

Abkehr von politischer Bildung nach der Wende

Der Politikwissenschaftler Hans Vorländer bildet seit 1993 Lehrer in politischer Bildung in Sachsen aus. Für ihn hängt das schlechte Abschneiden der ostdeutschen Bundesländer vor allem mit der DDR-Vergangenheit zusammen.

Hans Vorländer
Bildrechte: TU Dresden

Nach 1990 war man im Osten skeptisch, was politische Bildung betraf. Man wollte jegliche politische Ideologie oder Bevormundung aus der Schule verbannen.

Hans Vorländer Politikwissenschaftler TU Dresden

Zum anderen mussten Lehrer nach der Wende erst für Fächer wie Gemeinschaftskunde oder Sozialkunde ausgebildet werden. Ein weiterer Grund ist laut Vorländer der Wunsch der ostdeutschen Bundesländer, den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu fördern. "Naturwissenschaftliche Fähigkeiten wurden daher als notwendiger angesehen."

Dass die Vermittlung politischer Bildung in den Schulen besser laufen könnte, belegen auch die Ergebnisse der jüngsten Shell-Jugendstudie. Von den rund 2.500 befragten jungen Erwachsenen zwischen 12 und 27 Jahren sind mehr als ein Drittel empfänglich für populistisches Gedankengut. Ein anderer Teil fühlt sich von der Politik ignoriert und manipuliert.

Thüringen: Erst ab der 8. Klasse politische Bildung im Stundenplan 

Michael Kummer von der Lehrergewerkschaft GEW in Thüringen bestätigt das schlechte Abschneiden des Freistaates: „Die Demokratieerziehung an den Thüringer Schulen ist mangelhaft, zumindest was den kontinuierlichen und systematischen Unterricht betrifft.“ Ein Hauptkritikpunkt an der politischen Bildung in Thüringen ist, dass Sozialkunde in Gemeinschafts- und Gesamtschulen erst ab der 8. Klasse unterrichtet wird und dann auch nur drei Jahre lang. An Gymnasien beginnt der Sozialkundeunterricht sogar erst ab Stufe neun. Michael May bildet an der Universität Jena zukünftige Lehrer in Politikwissenschaften aus. Er fordert Unterricht in politischer Bildung ab der 5. Klasse – und zwar in allen Schulformen. Statt einer Wochenstunde schlägt er zwei Stunden sowie eine gut ausgebaute Oberstufe mit Leistungskursen vor.

Eigenes Engagement der Schulen als Lösung?

Manche Schulen gehen daher in Sachen politischer Bildung ihren eigenen Weg - etwa die Gemeinschaftsschule am Roten Berg in Erfurt. Dort gibt es über das ganze Jahr verteilt und in allen Klassenstufen Projekttage. Kürzlich haben sich die 5. und 6. Klassen an solchen Projekttagen mit der Friedlichen Revolution beschäftigt. Direktor Falko Stolp findet viele andere Schulen zu unpolitisch. Für ihn steht fest: "Mit Demokratiebildung kann man nicht früh genug beginnen." Wichtig ist dem Schulleiter zudem, dass politische Bildung auch außerhalb des Sozialkunde-Unterrichts stattfindet. "Man muss schauen, wie man die Schüler locken kann: Das heißt an andere Lernorte gehen, mit Zeitzeugen reden. Man muss mit außerschulischen Partnern arbeiten oder Ausstellungen an die Schule holen."

Helmut Holter, Präsident der Kultusministerkonferenz, spricht bei der Vorstellung des  OECD-Berichts ''Bildung auf einen Blick 2018''.
Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen Bildrechte: dpa

Auch laut Thüringens Bildungsminister Helmut Holter von den Linken soll Demokratiebildung auf vielfältige Weise gestärkt werden und neben Sozialkunde auch in anderen Fächern auftauchen. Dass der schwache Sozialkunde-Unterricht so aufgefangen werden könne, sei jedoch keinesfalls garantiert und auch nicht nachprüfbar, sagt Politikwissenschaftler Michael May von der Universität Jena.

Die Erfahrungen mit Querschnittsthemen zeigen, dass diese nur dann erfolgreich das Schulprofil prägen, wenn sich zufällig engagierte Lehrkräfte finden.

Michael May Politikwissenschaftler Uni Jena

Dies werde in Thüringen beispielsweise an den Evaluationen des Kursplans Medienkunde deutlich, sagt May. Eine Stärkung des Fachs Sozialkunde im Lehrplan hält er für die einzige sinnvolle Lösung.

Sachsen will es ab diesem Schuljahr besser machen

In Sachsen gab eine Studie im Auftrag der sächsischen Landesregierung den Anstoß, politische Bildung aufzuwerten. Im Sachsen-Monitor wurde schon 2016 deutlich, dass im Freitstaat das Vertrauen in die Demokratie und deren Institutionen auffallend gering ist. Eine Mehrheit war zum Beispiel der Meinung, dass Deutschland eine starke Partei brauche, "die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert". Der jüngste Sachsen-Monitor 2018 zeigt zudem: Je jünger die Befragten, desto größer ihre Zustimmung zu radikalen Positionen.

Christian Piwarz
Demokratie soll an Schulen nicht nur gelernt, sondern auch gelebt werden, findet Sachsens Bildungsminister Christian Piwarz. Bildrechte: dpa

Bildungsminister Christian Piwarz von der CDU kündigte nach den Ergebnissen des Sachsen-Monitors Lehrplanänderungen an den allgemeinbildenden Schulen zugunsten politischer Bildung an. Seit dem aktuellen Schuljahr gehört politische Bildung bereits in der Grundschule zu den Themen in Gemeinschaftskunde. Die Oberschüler haben nun bereits ab der 7. Klasse eine Stunde Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung anstatt erst ab der 9. Klasse. Zudem soll politische Bildung nun fächerübergreifend eine wichtige Rolle spielen. Demokratie müsse aber nicht nur gelernt, sondern auch gelebt werden, heißt es aus dem Ministerium. Das fange bei einem aktiven Schulleben mit Schülersprechern, Schülerzeitungen etc. an und gehe bis hin zu Rollenspielen und Wettbewerben wie "Jugend debattiert" im Sächsischen Landtag.

Sachsen-Anhalt: Fächerübergreifende Vermittlung politischer Bildung

Auch in Sachsen-Anhalt ist die politische Bildung bereits in den Lehrplänen der Grundschule verankert. In den Fächern Geschichte und Sozialkunde setzen sich die Lernziele in den weiteren Klassenstufen fort. Auch in anderen Unterrichtsfächern, wie Ethik oder Religion sollen politische Themen und aktuelle politische Entwicklungen behandelt werden. Das Kultusministerium weist jedoch darauf hin, dass die konkreten Umsetzungen von politischer Bildung und Demokratie-Lernen den einzelnen Schulen obliege.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2019, 15:22 Uhr