Vor Entscheidung im Bundestag Organspende: Mediziner für doppelte Widerspruchslösung

Der Bundestag entscheidet über die doppelte Widerspruchsregelung. Mit ihr gilt eine Zustimmung zur Organspende, solange nicht widersprochen wird. Transplantationsmediziner hoffen auf die Einführung der neuen Regelung.

von Kristin Hansen

Transportbox für eine Niere bei einer Nierentransplantation
Eine Niere wird von Ärzten transplantiert - viele Mediziner hoffen, dass die Zahl der Organspenden mit der Widerspruchslösung steigen wird. Bildrechte: imago/epd

Die mitteldeutschen Zentren für Organtransplantationen befürworten die doppelte Widerspruchslösung. Das ergab eine Umfrage des MDR-Magazins "Hauptsache Gesund". Der Direktor des Nierentransplantationszentrums des Landes Sachsen-Anhalt in Halle, Prof. Paolo Fornara, sagte: "Wenn wir es nicht schaffen und sich die Abgeordneten gegen die Widerspruchslösung aussprechen, dann halte ich das für eine große, verlorene Chance."

Paolo Fornara
Prof. Paolo Fornara Bildrechte: Universitätsklinikum Halle

Auch der Leiter der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Jena, Prof. Torsten Doenst, plädierte für die doppelte Widerspruchslösung: "Es ist aus medizinischer Sicht die einzig positive Lösung und absolut wichtig." Ein Problem an der jetzt bestehenden Regelung sei, dass in den meisten Fällen die Angehörigen für die Verstorbenen entscheiden müssten – und das führe sehr oft zur Ablehnung der Spende.

Organspende wird bejaht, doch zu wenige spenden

"Das Normale ist bei uns die Nicht-Spende, obwohl wir in der Bevölkerung bei Umfragen eine Zustimmung zur Organspende von fast 80 Prozent haben. Wir haben derzeit ein System, das die Spende massiv erschwert", sagte Prof. Christian Hugo. Er ist Leiter der Nephrologie am Universitätsklinikum Dresden und Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Derzeit dürfen nur dann Organe zur Spende entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Ist keine Entscheidung bekannt, müssen die Angehörigen über die Organspende entscheiden.

Ärzte bevorzugen doppelte Widerspruchslösung

Die Rückseite eines ausgefüllten Organspendeausweises.
Derzeit muss der Organspende im Spenderausweis oder in der Patientenverfügung ausdrücklich zugestimmt werden. Bildrechte: dpa

Der Bundestag will am Donnerstag über den Vorschlag zu einer doppelten Widerspruchslösung entscheiden. Danach würde jeder volljährige Deutsche als Organspender gelten, solange er zu Lebzeiten keinen Widerspruch gegen die Organentnahme im Fall des Hirntods kundgetan hat. Wenn zu Lebzeiten keine Erklärung erfolgt, können die Hinterbliebenen Widerspruch erheben. Derzeit gilt noch die sogenannte Zustimmungs- oder Entscheidungslösung, wonach zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organspende zugestimmt werden muss bzw. die Hinterbliebenen nach dem mutmaßlichen Willen des oder der Verstorbenen entscheiden müssen.

Parallel zur doppelten Widerspruchslösung steht auch ein anderer Vorschlag zur Entscheidung. Dabei ist geplant, dass Patienten bei Behördengängen über das Thema Organspende informiert und beim Hausarzt alle zwei Jahre dazu beraten werden sollen. Die Entscheidung zur Organspende soll in einem Online-Register festgehalten werden. Diesen Vorschlag lehnen die meisten medizinischen Experten jedoch ab. "Der konträre Vorschlag bedeutet für mich ein 'Weiter so'. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er eine positive Veränderung bringt oder ein Hausarzt genügend Zeit hat, mit seinen Patienten Gespräche über Organspende zu führen", sagte Prof. Christian Hugo.

Prof. Torsten Doenst
Prof. Torsten Doenst Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch der Leiter der Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum Leipzig, Prof. Daniel Seehofer, hält den Alternativvorschlag für wenig hilfreich: "Das ist eine Scheinlösung. Es besteht damit auch kein Druck, sich zu entscheiden." Es sei jedoch wichtig, dass jeder Einzelne eine Entscheidung für oder gegen Organspende treffe. "An der Entscheidungsfreiheit für den Patienten ändert sich mit der doppelten Widerspruchslösung gar nichts. Jeder hat auch dann noch die Freiheit, sich gegen eine Organspende im Todesfall zu entscheiden", ergänzte Prof. Torsten Doenst.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 16. Januar 2020 | 20:15 Uhr