Reaktionen Reform der Organspende: Ärzte sehen Chance verpasst

Der Beschluss des Bundestages zur Organspende hat geteilte Reaktionen ausgelöst. Künftig werden die Bürger gezielt gefragt, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen. Das Ja oder Nein wird zentral registriert. Ärzte befürchten, diese Regelung bringe zu wenig neue Spender. Kirchen und Ethikrat lobten die Entscheidung.

Im Transplantationszentrum am Universitätsklinikum wird eine von einem gesunden Spender vor wenigen Minuten entnommene Niere beim Empfänger transplantiert.
Mediziner bei einer Organtransplantation. Bildrechte: dpa

Mediziner: Rückschlag für Patienten

Ärzteorganisationen haben die vom Bundestag beschlossenen Änderungen bei der Organspende kritisiert. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft sieht "eine Riesenchance für unsere Patienten vertan". Generalsekretär Christian Hugo, Leiter der Nephrologie am Uniklinikum Dresden, sagte, der dringend benötigte Neustart sei verpasst worden.

Auch Daniel Seehofer vom Transplantationszentrum des Uniklinikums Leipzig sprach von einem Rückschlag für alle Patienten, die auf ein Spenderorgan warteten. Es bleibe aber die Hoffnung, dass sich durch bessere Rahmenbedingungen nun mehr Menschen als Organspender meldeten.

Die Stiftung Eurotransplant wertete die Bundestagsentscheidung zur Organspende als schlechten Tag für Ärzte und vor allem Patienten. Stiftungschef Bruno Meiser sagte dem Bayerischen Rundfunk, er glaube, dass die Spenderzahlen noch weiter heruntergingen. Die Organisation ist für Deutschland und sechs andere Länder die zentrale Vermittlungsstelle von Spenderorganen.

Der Ärzteverband Marburger Bund bedauerte das Abstimmungsergebnis. Immerhin sei das geplante zentrale Onlineregister zur Organspendebereitschaft eine Verbesserung. Sachsens Ärztekammerpräsident Erik Bodendieck respektierte die Entscheidung des Bundestages für eine erweiterte Zustimmungslösung. Jetzt müsse man abwarten, ob die Spenderzahl steige.

Kirchen loben Entscheidung

Die Deutsche Bischofskonferenz und  Evangelische Kirche in Deutschland sowie kirchliche Wohlfahrtsverbände begrüßten, dass die Organspende freiwillig bleibt. Der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer betonte, das Wesen einer Spende liege in der freiwilligen Bereitschaft – erst recht bei einem so sensiblen Thema.

Das Gesetz gewährt weiterhin eine möglichst große Entscheidungsfreiheit bei der Organspende und trifft dennoch Maßnahmen, die dazu führen, dass die Menschen sich verstärkt mit der Frage der Organspende befassen.

Auch die Katholische Frauengemeinschaft und der evangelische Wohlfahrtsverband Diakonie lobten, dass die Organspende ein bewusster Akt der Nächstenliebe bleibe. Vom Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verband hieß es, die Entscheidung des Bundestags werde "am ehesten dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht im Umgang mit den sensiblen Fragen rund um das Lebensende gerecht".

Ethikrat-Vizechefin:  Weise Entscheidung

Nach Auffassung der Medizinethikerin Claudia Wiesemann ist die Entscheidung des Bundestages der richtige Weg. Die Vizevorsitzende des Deutschen Ethikrates sagte der "Augsburger Allgemeinen" Zeitung, die Parlamentarier hätten weise entschieden. Die Widerspruchslösung hätte die Erosion des Vertrauens in die Transplantationsmedizin vorangetrieben.  

Die Widerspruchslösung wäre eine zu simple Lösung für eine menschlich herausfordernde Situation.

Vizechefin des Ethikrats,  Claudia Wiesemann 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Januar 2020 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2020, 20:41 Uhr

2 Kommentare

andreas1058 vor 5 Wochen

Diese Entscheidung ist ein Beispiel der Mutlosigkeit und "weiter-so-Politik".
Schade, dass diese Chance von der Mehrheit der Abgeordneten vergeben wurde. Aber unser Land hat wahrscheinlich keine andere Entscheidung verdient.

Norbert 56 NRW vor 5 Wochen

Eine einziges Trauerspiel, hoffentlich haben die Entscheider nie selbst ein Organ nötig. Da hat sich unser BT so richtig blamabel verhalten. Aber wir importieren Organe aus Ländern die Widerspruchsregelungen haben, eigentlich nur pervers...