Ehemalige Grenzanlagen aus Stacheldraht und ein Wachturm, 2002
Bildrechte: dpa

30 Jahre nach Mauerfall Halb Ost, halb West: Grenzorte in der DDR

Ehemalige Grenzorte stehen symbolhaft für die innerdeutsche Teilung. Familien und Freunde lebten Tür an Tür, plötzlich wurden sie getrennt. Ein Reise in die Vergangenheit der Grenzorte Großburschla, Harbke, Pirk und Marienborn.

Ehemalige Grenzanlagen aus Stacheldraht und ein Wachturm, 2002
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Die innerdeutsche Grenze zwischen der DDR und BRD war fast 1400 Kilometer lang – oft verlief sie auch durch vorher zusammengehörende Orte. Die Folge: Nachbarn, Freunde und Familien sahen sich jahrzehntelang nicht wieder. Wir stellen vier Grenzorte vor.

Großburschla: das eingeschlossene Dorf

Das kulturelle Erbe der Fachwerkhäuser ist auch eine Last für die kleine Gemeinde. Fördergelder für die Sanierung sind nur mit viel Mühe zu bekommen. Und alle Vorgaben des Denkmalschutzes zu erfüllen, kostet nicht nur Geld sondern verlangt viel Geduld.
Sperrgebiet: Großburschla war in der DDR von westdeutschen Dörfern umgeben. Bildrechte: MDR/Frank Stuckatz

Von drei Seiten vom Westen umgeben – Großburschla hat in der deutsch-deutschen Geschichte eine Sonderstellung. Das Dorf wurde mit der Gründung der DDR geteilt: der Großteil von Großburschla gehörte fortan zum Osten, der Ortsteil Bahnhof Großburschla zum Westen. Vom Eisenbahnnetz war der östliche Teil des Dorfes nun abgeschnitten. Somit entwickelte sich Großburschla zur Insel, ein winziges Berlin im Werratal. Freunde und Familien, die sich zuvor täglich sehen konnten, wurden getrennt. Für andere DDR-Bürger war das thüringische Dorf an der hessischen Grenze absolutes Sperrgebiet.

Eingeschlossen in einer 5-Kilometer-Sperrzone: Eine Flucht schien da nicht wenigen attraktiv. Davon abhalten musste sie unter anderem Erich Riethmüller. Der Soldat der Nationalen Volksarmee (NVA) kontrollierte an Straßen, Zäunen und Flüssen die thüringische Grenze. Im kleinen Großburschla lernte er auch seine spätere Frau Margret kennen. 25 Jahre später, fast pünktlich zur silbernen Hochzeit, öffneten sich die Grenzen. Erich Riethmüller musste fortan nicht mehr patrouillieren und auch ein Spaziergang entlang der Werra und ins hessische Altenburschla war nun erlaubt.

Die Fernsehdokumentation dazu sehen Sie ab 10:55 Uhr hier im Livestream.

Harbke: das Schlupfloch im Grenzgebiet

Abbau der Grenzanlagen im Braunkohletagebau in Harbke, 1976
Abbau der Grenzanlagen im Braunkohletagebau in Harbke 1976. Bildrechte: MDR/Reiner Orlowski, honorarfrei

Während Schießbefehle, Minenfelder und Selbstschussanlagen die innerdeutsche Grenze jahrzehntelang in eine Todeszone verwandelten, gab es in der Gemeinde Harbke ein für die meisten DDR-Bürger unbekanntes Schlupfloch. Denn ab 1976 waren hier die Grenzanlagen abgebaut – und das nur wenige Kilometer neben dem hoch gesicherten Grenzübergang Marienborn. Dem vorausgegangen war ein jahrzehntelanger Abschottungskampf um Stromzulieferung und Kohle. Der Braunkohletagebau Wulfersdorf bei Harbke betrieb zwei Anlagen ziemlich dicht beieinander. Nach der innerdeutschen Teilung lag jedoch ein Betrieb im Osten, der andere im Westen. Zu Beginn konnten die Arbeiter für die Schicht noch die Zone wechseln, doch als 1952 die DDR Grenzzäune errichtete und den Strom aus dem Kraftwerk abstellte, verloren 1.800 Bergleute schlagartig ihre Arbeit.

Historische Aufnahme: Maschendrahtzaun in Tagebaugebiet 45 min
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Der Osten - Entdecke wo du lebst Sa 09.11.2019 13:05Uhr 44:42 min

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Erst nach mehr als zwei Jahrzehnten, als auf beiden Seiten die Kohle zur Neige ging, gab es eine Annäherung. Nach langen politischen Verhandlungen wurden die zuvor errichteten Grenzanlagen wieder abgebaut und Bagger überquerten die Grenze – der Tagebau Wulfersdorf war wieder geöffnet. Doch außer in Harbke blieb das Loch in der Grenze nahezu unbekannt. Hauptsächlich Bergleute wussten davon, einige verdienten sich zusätzliches Geld als Fluchthelfer. Als die Kohlevorräte 1986 endgültig erschöpft waren, wollte die DDR die Grenzzäune eigentlich wieder aufbauen. Doch dazu kam es vor dem Mauerfall 1989 nur noch stellenweise.

Die Fernsehdokumentation dazu sehen Sie ab 13:05 Uhr hier im Livestream.

Autobahnbrücke Pirk: Erst Baustelle, jetzt Einheitssymbol

Panoramabild der Autobahnbrücke über Pirk.
Knapp 50 Jahre war die Elstertalbrücke eine Baustelle, erst nach der Wiedervereinigung wurde sie zu Ende gebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als die Bauarbeiten an der Elstertalbrücke bei Pirk im zweiten Weltkrieg vorerst eingestellt wurden, hätten wohl die wenigsten gedacht, dass diese Brücke später zum Einheitssymbol nach einer deutschen Teilung wird. 450 Bauarbeiter hatten ab 1938 rund um die Uhr geschuftet, ein Fundament gebaut, doch dann wurden die Arbeiten zwei Jahre später plötzlich eingestellt – das Baumaterial wurde für den Krieg benötigt. So standen die unfertigen Steinbogen verloren im vogtländischen Elstertal und es dauerte knapp 50 Jahre, bis die Bauarbeiten wieder aufgenommen wurden.

Deutschland war mittlerweile wiedervereinigt und eine Autobahnverbindung zwischen dem sächsischen Plauen und dem bayerischen Hof dringend nötig. In Pirk hatte sich mit der Grenzöffnung ein Verkehrschaos gebildet, auf der Dorfstraße standen tausende Fahrzeuge im Stau. Sie alle wollten nach Hof und umgekehrt. Also besserte eine Nürnberger Baufirma die unzähligen Risse im Fundament der Brücke aus und reinigte sie. Für den Weiterbau konnte sie sogar die alten Granitquader nehmen, die 50 Jahre unter der Brücke gelegen hatten. Am 6. September 1993 wurde die 60 Meter hohe und 500 Meter lange Elstertalbrücke dann endgültig in beide Richtungen freigegeben.

Marienborn: Im Röntgen der DDR

Verlassener, ehemaliger Grenzkontrollpunkt Marienborn-Helmstedt.
Wer in den Westen wollte, musste hier vorbei: Der Grenzübergang Marienborn-Helmstedt war der Größte der DDR. Bildrechte: IMAGO

1.000 Beschäftigte, rund um die Uhr geöffnet: Marienborn-Helmstedt war die bedeutendste Grenzübergangsstelle an der deutsch-deutschen Grenze. Große Anzeigetafeln wiesen den ankommenden Fahrzeugen den Weg: "Transit Westberlin" oder "Einreise DDR", hieß es dort. Um unerlaubte Grenzübertritte zu verhindern, griff das DDR-Wachpersonal zu rabiaten Mitteln: In einer Leichenhalle wurden Särge geöffnet, um Schmuggelware oder gar flüchtige Personen ausfindig zu machen. Außerdem setzte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) jahrelang Röntgenstrahlen am Grenzübergang ein. Die radioaktive Fahndungstechnik erfasste Personenwagen und Lastautos, machte in ihnen versteckte Menschen als dunklen Fleck auf Bildschirmen sichtbar.

Dennoch gab es am Grenzübergang Marienborn-Helmstedt spektakuläre Fluchtversuche. Hans-Jürgen Fricke versuchte 1983 mit einem vollgetankten Minol-Tanklaster die Grenze in Richtung Westen zu durchbrechen. Er scheiterte an einem tonnenschweren Betonrammbock. Erfolgreicher war DDR-Fußballer Jürgen Sparwasser. Für ihn war die Fahrt im Mannschaftsbus zu einem Turnier nach Saarbrücken ein Abschied – und die DDR verlor einen ihrer größten Sporthelden. Ab dem 9.November waren diese riskanten Manöver nicht mehr notwendig, hunderttausende DDR-Bürger nutzten den Grenzübergang Marienborn-Helmstadt zur Fahrt in den Westen. Legendär sind die Fotos von der sich kilometerlang stauenden Zweitakter-Kolonne auf der A2.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 09. November 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 10:00 Uhr