Im heimischen Wohnzimmer in Sieversdorf (Brandenburg) übergibt der Weihnachtsmann am Heiligen Abend, den 24.12.2016 Geschenke an ein Kind.
Heißt es nun "an" oder zu" Weihnachten? "Kommt drauf an", könnte der Junge dem Weihnachtsmann sagen. Bildrechte: dpa

Der Redakteur | 29.11.2019 Heißt es "an" oder "zu" Weihnachten?

Reinhard Förster aus Erfurt fragt: "Warum wird in den Medien 'an' und 'zu' verwechselt. 'Zu' Weihnachten haben wir gelernt. 'An' Weihnachten heißt es seit der Wende. Hat hier ein Sprachimport stattgefunden?"

von Thomas Becker

Im heimischen Wohnzimmer in Sieversdorf (Brandenburg) übergibt der Weihnachtsmann am Heiligen Abend, den 24.12.2016 Geschenke an ein Kind.
Heißt es nun "an" oder zu" Weihnachten? "Kommt drauf an", könnte der Junge dem Weihnachtsmann sagen. Bildrechte: dpa

Es hat weder ein Sprachimport stattgefunden, noch wird da irgendwas verwechselt. Es sprechen einfach die Menschen so, wie sie es aus ihrer Heimat kennen. Wir fahren deshalb zu Weihnachten bei Oma’n." Zumindest in Teilen Thüringens. In Sachsen-Anhalt und in Teilen Nordthüringens passiert es hingehen schon mal, dass man Weihnachten "nach Oma ‚jeht‘!" Auch das zeigt, wie vielfältig unsere Sprache ist. Für die Sprachwissenschaftler sind diese Unterschiede ein Quell der Freude, weil daran die Lebendigkeit der Sprache erkennbar ist und weil man hier die Entwicklung der Sprache förmlich spüren kann.

An Weihnachten ist vor allen Dingen in Westdeutschland und Süddeutschland beheimatet. Zu Weihnachten sagt man in Ostdeutschland und Österreich und ohne ein Verhältniswort - das findet man in den Bereichen Südniedersachsen, ein bisschen auch in Nordthüringen und in Westfalen.

Prof. Jürgen Udolph, Sprachwissenschaftler Uni Göttingen

Kein richtig oder falsch!

Ilka Pescheck - Dienstags direkt - 20.08.19
Ilka Pescheck aus der Dudenredaktion Bildrechte: MDR/Lucas Görlach

Nun leben wir in einer mobilen und kommunikativen Gesellschaft, in der wir mit der jeweils anderen Variante konfrontiert werden. Dabei sollte uns klar sein, dass zu Weihnachten für bayrische Ohren (nicht aber für österreichische!) genauso falsch klingen kann, wie an Weihnachten für unsere.

Alleine schon deshalb verbieten sich Wertungen wie richtig oder falsch, zumal es beide Varianten nebst der regionalen Einordnung in den Duden geschafft haben. Genauso wie die dritte Variante, auch eher nördlich beheimatet, die gänzlich ohne Präposition auskommt. Es heißt einfach "Weihnachten fahren wir zur Oma."

Wir denken uns das nicht aus, sondern analysieren kontinuierlich das sogenannte Dudenkorpus in digitaler Form, wo Texte verschiedener Textsorten und verschiedener Regionen drin sind. Dann kann man schauen, in welchen standardsprachlichen Texten eben welche Wendung häufiger gebraucht wird. Alle Wendungen sind korrekt.

Ilka Pescheck, Dudenredaktion

Wichtig ist hierbei, dass der Duden den schriftlichen Standard abbildet. Das heißt: Jugendsprachliche oder regionale Wörter, die nur gesprochen, aber nicht geschrieben werden, haben es schwer. Deshalb wird es "bei Oma’n" schwer haben, in den Duden zu gelangen, zumal die Region, in der es gebraucht wird, relativ klein ist.

Das war bei zu und an Weihnachten anders und das ist ein Stück Regionalität, das immer mehr verloren geht. Das kann man nun bedauern, aber eine gewisse Vereinheitlichung unserer Sprache hin zur Standardsprache ist letztlich die Basis dafür, dass wir uns überhaupt halbwegs verstehen können. Fahren Sie mal in den Raum Sonneberg oder ins tiefste Bayern oder auf eine Nordseeinsel, wo man noch redet, wie es in der Region üblich ist. Sie werden kein Wort verstehen als Fremder.

Die Rolle Martin Luthers

Unsere heutige Standardsprache verdanken wir auch zu einem nicht unerheblichen Teil Martin Luther - und jetzt kommt die Überraschung: Er war einer von uns. Jawohl! Er hat nach Begriffen gesucht, die - aufgeschrieben natürlich - in möglichst vielen Regionen verstanden werden. Dabei kamen viele Wörter aus dem ostmitteldeutschen (überwiegend Thüringen, Sachsen sowie südliches Sachsen-Anhalt) und ostoberdeutschen (bayrisch) in die Bibel und nicht so sehr aus westlicher und niederdeutscher Herkunft. Von daher hat unsere Sprachregion das Deutsch, das wir heute in Deutschland schreiben, sehr geprägt.

Hochdeutsch im Erzgebirge

Namenforscher Prof. Jürgen Udolph
Namenforscher Prof. Jürgen Udolph Bildrechte: MDR/Romy Miska

Das sieht man auch am Beispiel Harz. Das war einst ein niederdeutscher Sprachraum, so Sprachwissenschaftler Professor Udolph. Dann kamen Bergleute aus dem Erzgebirge in größerer Zahl und brachten ihre hochdeutsche Sprache mit. Moment - Erzgebirge und hochdeutsch? Natürlich. Denn wir dürfen hochdeutsch nicht mit dialektfrei verwechseln. Im Niederdeutschen heißt es zum Beispiel "Hus", im Hochdeutschen "Haus". Dass wir in Mittelthüringen eher "Hous" daraus machen, das wäre dann unserem Dialekt geschuldet, von dem wir auch unsere "arzg‘birgschen" Nachbarn nicht ganz freisprechen können. Aber ‚tu Hus‘ sind wir eben nicht, eher daheme. Beides hat es aber noch nicht in den Duden geschafft. Beziehungsweise ist Hus, Jan "nur" ein tschechischer Reformator.

"An" und "zu" je nach Region

Aber zurück in die heutige Weihnachtszeit und zu unseren modernen Medien, die schließlich die fremden Töne an unsere Ohren bringen. Das wird immer dann passieren, wenn zum Beispiel ein Kollege vom Bayerischen Rundfunk an Weihnachten aus München berichtet. Im Gegenzug:  Wenn wir für die Kollegen dort über unseren Erfurter Weihnachtsmarkt berichten, dann werden wir das, wie wir es gewohnt sind, zu Weihnachten tun. Und Sie können sich sicher sein, dass das in Bayern für Verwunderung sorgt. "Daheme" hingegen werden wir vermeiden, "Plaste" vielleicht schon nicht mehr, so viel Regionalität müssen auch die Brüder und Schwestern aushalten. Und einen haben wir diesbezüglich auch schon bekehrt.

Ich wohne in der Nähe von Göttingen und sage schon seit Jahrzehnten ‚Plaste‘. ‚Plaste und Elaste aus Schkopau‘ - das kennen wir als Wessis vom Autobahnfahren. Das hab ich übernommen, erst ein bisschen ironisch und heute ist es mein Wort für Plastik!

Prof. Jürgen Udolph, Sprachwissenschaftler Uni Göttingen

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. November 2019 | 16:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2019, 11:35 Uhr

1 Kommentar

fritz deutsch vor 2 Wochen

in Arbeit oder auf Arbeit - am besten Rentner