Thees Uhlmann
Thees Uhlmann: "Ich muss nachdenken" Bildrechte: dpa

Neues Album Thees Uhlmann: "Junkies und Scientologen finde ich heftig"

Der ehemalige Tomte-Sänger und Buchautor Thees Uhlmann hat sein drittes Solo-Album aufgenommen: "Junkies und Scientologen". Zudem erscheint sein neues Buch über die Toten Hosen. Im Interview erzählt er, warum das Leben kein Traum ist, wieso er Frauen nicht nach Hause fährt und was die Scorpions mit "Stranger Things" zu tun haben.

Thees Uhlmann
Thees Uhlmann: "Ich muss nachdenken" Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Ein Thees Uhlmann Album packt einen immer auch über die Texte, weil die so nah ans Leben rangehen. In einem Song, der mich jetzt sofort gepackt hat, heißt es im Refrain "Das Leben ist kein Highway, es ist die B73". Steckt da  ein Bedauern drin, dass das hier nicht die USA mit ihren Highways ist, sondern eben Deutschland mit der B73?

Thees Uhlmann: Nein, das kommt eigentlich genau aus der anderen Ecke. Mir ist aufgefallen, dass so viele Versprechungen gemacht werden: Nimm einen Kredit auf, damit du dir ein tolles Leben leisten kannst – was danach kommt, ist total egal. Du musst an den Spieleautomaten, du musst spielen, das wird ganz toll! Verbessere deinen Körper, lebe bis zum Optimum, mach die beste Version von dir selber! Und ich finde, dass das Quatsch ist. Ich finde auch, dass das unmoralisch ist gegenüber den normalen Leuten, dass ihnen immer gesagt wird: Du musst besser werden. Ich finde, es reicht nämlich total. Es ist nicht mein Lebensmodell, aber ein Mann und eine Frau zu sein, zwei Kinder zu haben, zwei Jobs, und dann noch zum Fußballtraining zu fahren und ab und zu mal ins Kino zu gehen, das ist ein hartes, wahnsinnig aufwendiges, gerechtes Leben. Aber die ganze Zeit wird gesagt, das Leben sei ein Highway und ein Traum. Nein, das Leben ist die gottverdammte B73. Und es reicht auch so, weil es die letzten 2000 Jahre so war. Das ist auch genug. Es reicht vollkommen aus so wie du bist.

Fußball ist auch wichtig für ein einfaches Leben. In Ihrem Song "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf" ging es um Littbarski. Diesmal geht es um Jürgen Klopp. Ein Thees-Uhlmann-Album ohne Fußball geht nicht?

Eigentlich nicht. Ich bin schon seit mehr als 20 Jahren Sankt Pauli-Fan. In meinen Zwanzigern hab ich eigentlich die meiste Zeit über mich gesungen, weil ich kein Geld hatte, weil ich diesen Traum hatte, Musiker zu sein und Rockmusik zu machen. Und je älter ich werde, desto weniger interessiere ich mich für mich. Das finde ich eine wahnsinnige Befreiung. Und Jürgen Klopp ist ein Symbol: als Deutscher in England, der in Liverpool die Champions League gewinnt. Das ist ja quasi schon ein Kunstwerk in sich. Dann ist das natürlich wahnsinnig politisch. Weil in Liverpool werden drei Leute nebeneinander sitzen: Opa, Sohn, Enkel. Und der Opa sagt zum Enkel: Komisch, als ich so jung war wie du, hatten wir vor den Deutschen immer Angst. Und die Zeit ist eben einfach weitergezogen. Das hat sich normalisiert. Ich finde das wahnsinnig schön und das muss auch einfach mal gesungen werden.

Ein anderer Song heißt "Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop-Videodrehs nach Hause fährt". Wie kommt man auf so eine Idee? Das haben Sie doch nie gemacht, oder?

Nein, das habe ich nie gemacht.

Frauen nach Hause gefahren wahrscheinlich schon, aber nicht nach Videodreh?

Ich hab kein Auto. Außerdem sollte man, wenn man Frauen nach Hause bringt, mit ihnen langsam durch die Nacht latschen.

Haben Sie ein Fahrrad?

Mir ist jetzt das fünfte Fahrrad geklaut worden, und ich bin müde. Ich bin wahnsinnig müde. Ich finde den Akt des Fahrradklauens so frevelhaft. Das wird eigentlich nur noch unterschritten durch das Klauen von einem Kinderwagen. Also, ich werde mir erst wieder ein Fahrrad kaufen, wenn Selbstschussanlagen erlaubt sind.

Zurück zu den Frauen, die nach dem Hiphop-Videodreh nach Hause gefahren werden …

Also ich muss dazu sagen, dass ich vor dreieinhalb Jahren versucht habe, eine Platte zu schreiben. Zu 70 Prozent war sie fertig. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich meine Texte total doof finde, weil das so selbstreferenziell war und es so richtig um nichts ging. Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Plattenproduktion abgebrochen und wirklich gesagt: Es bringt nichts, mir fällt nichts ein. Es ist alles blöd. Ich muss nachdenken.

Thees Uhlmann "Junkies und Scientologen"
Bildrechte: Grand Hotel Van Cleef

Und dieser Song - "Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop-Videodrehs nach Hause fährt" - war der allererste, den wir für diese Platte jetzt geschrieben haben. Was ich vorher nicht zu zugelassen habe, ist, dass ich in mir einen zurzeit wahnsinnig wütenden Unterstrom habe. Der setzt sich zum Beispiel daraus zusammen, dass jemand wie Trump gewählt wird. Meine Tochter war damals neun oder acht und hat mich gefragt: Warum wird jemand gewählt, der einfach so Frauen anfasst? Und ich kann das nicht erklären. Es ist offensichtlich dem großen gesellschaftlichen Teil total egal, wenn sowas passiert. Aber es ist absolut konträr zu einem meiner drei wichtigen Erziehungssätzen: Wir lassen uns nicht einfach anpacken, das machen wir nicht. Und auch wenn offensichtlich enorm erfolgreiche deutsche Künstler, vornehmlich aus der aus einem Teil der HipHop Szene, entschieden haben, dass Frauen nur dazu da sind, nur in Lingery bekleidet von rechts nach links laufen zu dürfen, dann schockt mich diese absolute Objektivierung von Frauen. Sowas macht mich zornig, weil ich dachte, dass man in den Neunzigern irgendwie weiter war. Ich finde das reaktionär und dachte, darüber muss man eine Geschichte machen.

Der Titelsong des Albums heißt "Junkies und Scientologen". Was können Sie uns darüber sagen?

Mir kommt es so vor, als gebe es wahnsinnig viel Entertainment. Bei Konzerten ist alles wahnsinnig durchchoreografiert. Es gibt Konfettikanonen, alle setzen sich hin, alle springen wieder auf, alle holen ihre Handys raus und machen so abbildbare Momente für das Internet. Ich verstehe das. Ich finde das auch total in Ordnung. Aber es ist nicht meine Sache. Ich komme von der Kunst, vom Rock'n'Roll, aus der Dunkelheit, und das ist auch eine relativ dunkle Platte, bei der es um was geht. Also kann man die nicht "Schön, dass wir uns wiedersehen" nennen, sondern die muss dann eben einfach "Junkies und Scientologen" heißen, weil das auch Begriffe sind, die ein bisschen aus der Welt gefallen sind, und ich beide Sachen auch irgendwie bemitleidenswert und heftig finde. Und diese Heftigkeit wollten wir mit dem Plattentitel transportieren. Außerdem hat Sven Regener gesagt, die Platte heißt auf jeden Fall so wie ein Songtitel und auf solche Leute hört man.

Sie haben auch Bücher geschrieben, zum Beispiel den Roman "Sophia und der Tod". Bald gibt es ein neues Buch von Ihnen über die Toten Hosen. Eine Hommage an die Band?

Ja, mein Verlag macht eine kleine Reihe: Autoren und Autorinnen schreiben über ihre Lieblingsbands oder über Künstler und Künstlerinnen, die sie toll finden. Ich hab mir die Toten Hosen ausgesucht, weil da für mich kunstmäßig relativ viel Fleisch an den Knochen ist. Mein erstes Konzert war eins von den Toten Hosen, jetzt bin ich mit denen befreundet. Ich kann mein eigenes Leben seit der Pubertät ganz gut an den Toten Hosen weitererzählen. Ich finde aber auch, dass man Deutschland wahnsinnig gut weitererzählen kann am Beispiel die Toten Hosen. Als die Toten Hosen in Leipzig zur Tausendjahrfeier gespielt haben, waren da einfach 84.000 Menschen. Das hat ja den Bereich eines Konzertes fast schon verlassen, weil es ein Happening war, ein friedliches und schönes und bieriges. Das hat mein Herz sehr berührt, wie 84.000 Menschen sich gemeinsam friedlich über eine Düsseldorfer Punkband freuen

Im Song "Was wird aus Hannover" brechen Sie auch eine Lanze für die Scorpions. Die sind zwar im Mainstream erfolgreich, aber Musiknerds finden die eher nicht so toll.

Ich weiß, aber es ist halt ein Song über Hannover, und die Scorpions sind einfach unsterblich mit Hannover verbunden. Für mich ist Hannover immer noch die Landeshauptstadt, eigentlich wichtiger als Berlin. Und das war relativ witzig: In der zweiten Staffel von "Stranger Things", die in den Achtzigerjahren spielt, fährt ein amerikanischer Sportwagen vor die Spielhalle. Dann geht die Tür auf. Und was läuft? Die Scorpions aus Hannover! Da ist einfach auch mal Schluss mit Feuilleton und Dekonstruktivismus. Wenn's heiß wird, laufen immer noch die Scorpions in den Achtzigern. Das fand ich irgendwie so niedlich, weil das eine ganz frühe Band von mir war. Und in einem der wichtigsten Kunstwerke zur Zeit, "Stranger Things",  laufen die Scorpions. Und deswegen hab ich gedacht, was wird aus Hannover, wenn die Scorpions nicht mehr sind.

Das Interview führte Johannes Paetzold.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. September 2019 | 15:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 04:00 Uhr

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