Debatte Nach Absage für Tumult-Verlag im Lingnerschloss Dresden: Tellkamp darf kommen

Der Tumult-Verlag in Dresden wollte in diesem Jahr eine Lesereihe starten und suchte vergeblich öffentliche Räume dafür. Die kurzfristige Absage des Dresdner Lingnerschlosses und seines Fördervereins löste ein Medienecho aus. Hat die Absage mit dem Geist von Tumult zu tun? Muss man Haltungen, die zumindest am Rande des humanistischen Grundkonsenses liegen, im Sinne der Meinungsvielfalt öffentliche Podien bieten? Das sagen die beteiligten Akteure dazu.

von Michael Bartsch, MDR KULTUR

Blick auf das Schloss des Mundwasser-Erfinders Karl August Lingner (1861-1916) in Dresden mit seinen Weinterrassen
Das Lingnerschloss in Dresden hat einer Lesereihe der ultrakonservativen Zeitschrift "Tumult" eine Absage erteilt. Bildrechte: dpa
Blick auf das Schloss des Mundwasser-Erfinders Karl August Lingner (1861-1916) in Dresden mit seinen Weinterrassen 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 13.01.2020 07:10Uhr 04:03 min

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Der Tumult um die unerwartete späte Absage des Lingnerschlosses, eine der drei markanten Fabrikantenvillen am Dresdner Elbhang, wäre ausgeblieben, hätte Herausgeber Frank Böckelmann von mehreren angefragten Veranstaltern bereits eine Zusage für folgendes Vorhaben erhalten: "Wir wollten jeden Monat einen Autor auftreten lassen, einen Autor aus der Vierteljahresschrift "TUMULT" oder aus der Buchreihe unserer Werkreihe." Erwartungsgemäß unterstellt auch Böckelmann, bei den vergeblich Angefragten das Einknicken vor einer Gesinnungsdiktatur, wie sie die AfD und die Neue Rechte behaupten: "Sie hatten früher schon mal gewisse Veranstaltungen zugelassen und haben dann erlebt, wie politisch Andersdenkende dagegen protestieren."

In einem Fall gilt das tatsächlich: Bert Kirsten betreibt im Coselpalais gleich neben der Frauenkirche den großen Piano Salon Dresden. Den zugehörigen Saal hat er schon etwa 5.000 Mal vermietet, davon 50 Veranstaltungen politischer Parteien, darunter drei Mal die AfD. Denn Kirsten folgt dem Grundsatz: "Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir im Gespräch bleiben. Natürlich auf dem Fundament des Humanismus."

Erfahrungen des Dresdner Piano Salon

Am 22. November 2019 aber ließ er sich auf eine Diskussion ein, deren Tragweite er nicht gleich überschaute. Unter den Diskutanten über die völlig legitime Frage "Was ist konservativ?", befand sich neben dem AfD-Kulturideologen Marc Jongen auch Götz Kubitschek vom rechten Antaios Verlag. Bert Kirsten dazu: "Ich hatte vorher eine Ansprache gehalten, dass es also hier hundertprozentig humanistisch zugehen muss. Und das ist alles in diesem Rahmen vonstattengegangen." Linke Proteste draußen vor dem Palais blieben ohne größere Resonanz, schwerer wogen Attacken im Internet:

Meine Mitarbeiter sind daraufhin angegangen worden und haben mich gebeten, dass wir eben den Rahmen für solche Diskussionen nicht mehr zur Verfügung stellen.

Bert Kirsten, Geschäftsführer Dresdner Piano Salon

Dieser Bitte entsprach Bert Kirsten vom Dresdner Piano Salon, weil er eine Obhutspflicht für seine Mitarbeiter empfindet. Also sagte er auch Frank Böckelmann und seinem immerhin als gemeinnützig eingestuften Tumult-Verein ab.

Erste Zusage kam zunächst vom Lingnerschloss

Peter Lenk, dahinter das Lingnerschloss
Peter Lenk, Vorsitzender Förderverein Lingnerschloss Bildrechte: imago/Sven Ellger

Im Lingnerschloss winkte Böckelmann hingegen ein Erfolg. Mit einem für Veranstaltungsreihen zuständigen ehrenamtlichen Mitarbeiter des Fördervereins schienen die sechs Lesungen bereits abgesprochen. Am 7. Januar sollte der Vertrag unterzeichnet werden. Erster lesender Autor wäre im Januar Uwe Tellkamp gewesen. Doch der bislang nicht involvierte Vereinsvorstand sagte am 3. Januar kurzfristig ab.

Wir haben vor Jahren mal einen Vereinsbeschluss getroffen, der besagt, dass öffentliche Veranstaltungen nur als Vereinsveranstaltungen durchgeführt werden. Der Verein fühlt sich grundsätzlich zur politischen Neutralität verpflichtet.

Peter Lenk, Vorsitzender Förderverein Lingnerschloss

Auch Lenk wusste, wie Piano-Fachmann Kirsten nicht detailliert über Tumult Bescheid. Einer der Vortragenden sollte immerhin der Althistoriker Egon Flaig sein, der in seinen Schriften gegen einen pseudoreligiösen Humanitarismus wettert und Kanzlerin Merkel, Medien und die Kirchen auf das Wüsteste beschimpft. Die Lesereihe schien dem Lingnerschloss-Vorstand wohl zu heiß. Schließlich ist man auf Spenden aus allen Richtungen und Schichten angewiesen.

Tellkamp ausdrücklich eingeladen

Mit dem rechtstrendigen Uwe Tellkamp will man es sich dabei aber auch nicht verderben: "Herrn Tellkamp laden wir herzlich ein, seine Buchlesung im Rahmen einer der bestehenden Veranstaltungsreihen des Vereins zu platzieren", sagt Peter Lenk. Tumult-Herausgeber Frank Böckelmann entgegnet dem Neutralitätsgebot des Lingner-Vereins:

Also wir sind keine Rechte, keine Neurechte. Wir bezeichnen uns gelegentlich halbsatirisch als neoreaktionär.

Frank Böckelmann, Herausgeber Tumult-Verlag
Frank Böckelmann
Frank Böckelmann, Herausgeber Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT e. V. Bildrechte: imago/Hoffmann

Die Suche nach einem Veranstaltungsraum will Böckelmann fortsetzen. Ein nicht nur für Dresden symptomatischer Konflikt um die Grenzen der Meinungsfreiheit, aus dem wohl nur ein Postulat des ehrlichen Idealisten Bert Kirsten vom Dresdner Piano Salon heraushelfen könnte: "Ich denke, es ist ganz wichtig, dass wir weiter im Gespräch bleiben, beziehungsweise ins Gespräch kommen und im anderen erst einmal den Menschen sehen."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Januar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2020, 11:08 Uhr

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