Ein Lehrer am Gymnasium, gibt Matheunterricht an einem Bildschirm.
Schüler sollten nicht einfach Daten lernen, sondern Zusammenhänge, sagt Prof. Fischer Bildrechte: dpa

ARD-Themenwoche "Zukunft Bildung" Warum Schulfächer wie Mathe nicht mehr zeitgemäß sind

Wissen ist digital verfügbar. Was also bleibt für die Schule? Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer plädiert dafür, die Zusammenhänge zu lehren und miteinander zu diskutieren statt nur Physik zu lernen.

Ein Lehrer am Gymnasium, gibt Matheunterricht an einem Bildschirm.
Schüler sollten nicht einfach Daten lernen, sondern Zusammenhänge, sagt Prof. Fischer Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Ist das Denken in Fächern, wie Mathematik, Deutsch, Physik, etc., noch zeitgemäß?

Ernst Peter Fischer: Ich glaube nicht. Ich denke, dass ich viel mehr über unsere Kultur lernen kann, wenn ich sehe, wie Dinge zusammenhänge. Als liebstes Beispiel benutze ich die Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts: Da hat man erstmal Geschichtsunterricht, was da eigentlich war und  wie solide der Staat damals war. Und dann gibt es in dieser Zeit vor dem ersten Weltkrieg noch den Weg von Kunst und Wissenschaft in die Abstraktion. Das hängt meiner Ansicht nach damit zusammen, dass jemand Röntgenstrahlen entdeckt hatte. Mit den Röntgenstrahlen konnte man sehen, dass man die Welt bisher gar nicht gesehen hat, denn das meiste Licht sieht man gar nicht. Wenn man die Welt beschreiben wollte, musste man sie plötzlich erfinden. Das machten sowohl die Physiker wie Albert Einstein als auch die Künstler wie Pablo Picasso. Das kann man in zehn Minuten erklären, wenn man sich darauf einlässt. Interdisziplinarität ist an dieser Stelle ein grandioser Startpunkt, um die ganze Kultur, in der man lebt, zu verstehen.

Erleben wir hier sowas wie die O-Bein-Geschichte der Interdisziplinarität – vom Universalgelehrten zum Spezialisten und jetzt wieder zurück zu etwas Universellem?

Ich glaube, dass man diese großen Begriffe weglassen kann. Man ist weder Universalgelehrter noch ausgewiesener Spezialist, sondern man ist nur neugierig. Man ist interessiert an der Kultur und da kann man seine Stelle finden, an der man sich am meistbesten umschauen will – und das können auch schon die Schülerinnen und Schüler.

Wie muss die Schule aussehen, die das leisten kann?

Die Schule muss einfach Neugier schaffen, und nicht Wissen, Daten, Fakten vermitteln. Sondern man muss als Lehrerin oder Lehrer zeigen, dass man selbst neugierig ist, noch lernt, noch etwas wissen will, dass man es spannend findet, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, wie Kunst und Wissenschaft miteinander umgehen, dass man z.B. Atome in der Kunst, in Romanen und in der Physik finden kann. Atome sind nicht etwas Schreckliches, sondern eine großartige Idee, die aus der Antike, aus der Philosophie kommt und bis heute in unsere Kultur nachwirkt. Und darüber kann man nachdenken und sprechen, die Schülerinnen und Schüler verstehen das auch.

Was ist, wenn die Schüler, statt Neugier zu zeigen, sagen: Warum soll ich mich dafür interessieren? Google weiß das doch alles?

Dann haben die Schüler noch gar nichts verstanden. Dann haben sie nicht verstanden, dass Wissen Freude macht. Bei Google was nachschlagen kann jeder, aber dass ich selber etwas weiß, mit einem anderen darüber sprechen kann, mich austauschen und weiterentwickeln kann, dass ich mir mit meinem Wissen Freunde mache, das macht Freude. Wer den Zauber des Wissens noch nicht begriffen hat, der hat irgendetwas verpasst – und das könnte vielleicht an der Schule liegen.

Wie wichtig bleibt denn im digitalen Zeitalte die Schule als Ort?

Ganz wichtig, weil man zusammen diskutieren lernen muss, sich einlassen auf andere. Man muss verstehen, was den andren beschäftigt und was der besser kann. Denn man muss immer jemanden finden, der etwas besser kann. Wenn man selbst der klügste Junge im Raum ist, ist man an der falschen Stelle.

Ist die Schule der Ort, an dem die Zukunftsprobleme unserer Gesellschaft zur Lösung schon mal vorbereitet werden können?

Prof. Ernst Peter Fischer
Prof. Ernst Peter Fischer Bildrechte: MDR/brand eins Wissen

Das kann sie nicht, denn wer kann Ihnen denn sagen, was die gesellschaftlichen Probleme sind. Die sind morgen anders und übermorgen schon wieder. Da wird dann etwas Neues bemerkt wie der Klimawandel oder wieder was anderes wie die große Weltbevölkerung, so dass plötzlich ganz neue gesellschaftliche Probleme auftauchen. Da kann die Schule so schnell nicht drauf reagieren. Die Schule kann aber allgemein darauf hinweisen, dass es so ein grundlegendes Konzept wie Energie gibt. Die Schule sollte ein Weg finden, um Schülern und auch ihren Eltern zu helfen, die Nachrichten der Tagesschau zu verstehen. Wer versteht denn eigentlich was ein Tiefdruckgebiet ist? Das wird ständig benutzt, aber keiner versteht es. Sie sollten wenigstens die Diktion der Tagesschau-Sprecher verstehen.

Es geht also doch um einen Wissen-Kanon und nicht nur um die Anregung von Neugier?

Wenn Sie erst einmal erläutern, was ein Taifun ist oder wie ein Tiefdruckgebiet zu stande kommt und was das mit den Regenfällen zu tun hat, dann fängt man doch an, weiter nachzudenken. Dann schaut man doch ganz anders auf seine Wetterkarte auf dem Handy. Und fängt selbst an, sich Gedanken zu machen. Das nannte man früher mal Aufklärung.

Wenn Sie sich heute Lehrpläne anschauen: Worauf könnte man verzichten und was fehlt?

Was mir insgesamt fehlt, ist die Kenntnis der Menschen, die zu Kultur beitragen. Ich würde gerne sehen, dass im Physikunterricht mehr über Hermann von Helmholtz, Albert Einstein und Niels Bohr gesprochen wird. Dass man weiß, was die gemacht haben und in was für einer Zeit die gelebt haben. Dann kann Geschichtsunterricht kulturübergreifend verstehen und die Naturwissenschaften selbst unterrichten. Man muss nicht einfach ein naturwissenschaftliches Gesetz hinknallen, sondern fragen: Unter welchen Umständen wurde das entdeckt und was gab es in der Zeit noch? Ich frage zum Beispiel gerne, ob Bach und Newton Zeitgenossen waren.

Artour-Beiträge zum Thema Bildung

ARD Themenwoche Bildung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. November 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 15:46 Uhr

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