Szenenbild "Die Weltmaschine"
Weltgeschichte rasant erzählt: Rainald grebes "Weltmaschine" Bildrechte: Falk Wenzel

Premiere "Die Weltmaschine – Mechanisches Theater nebst Wunderkammer" Rainald Grebes "Weltmaschine" in Halle: Rasantes Puppentheater

Rainald Grebe prangert in seinem neuen Theaterstück die Überinformation der heutigen Zeit samt Smartphones an und zeigt die Weltgeschichte im Schnelldurchlauf. Dabei bleiben viele Fragen offen.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Szenenbild "Die Weltmaschine"
Weltgeschichte rasant erzählt: Rainald grebes "Weltmaschine" Bildrechte: Falk Wenzel

Die neueste Theaterkreation von Rainald Grebe kam am Samstagabend im Puppentheater in Halle zur Uraufführung mit dem vielversprechenden Titel "Die Weltmaschine – Mechanisches Theater, nebst Wunderkammer". Und Reinald Grebe ist als Spieler und Regisseur mittendrin.

Denn Rainald Grebe ist nicht nur Liedermacher, sondern auch diplomierter Puppenspieler. Er studierte an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin und führte schon seine Diplominszenierung 1998 in Halle am Puppentheater auf, zusammen mit den beiden Puppenspielern, mit denen er jetzt wieder hier auf der Bühnen steht: Tilla Kratochwil und Lars Frank.

Welterklärungsmaschine im Zimmerformat

Doch nicht nur hier geht Grebe back to the roots, sondern lässt auch das Theatrum mundi (auf Deutsch: das Welttheater) auf der Bühne wieder auferstehen. Ein mechanisches Theater, bei dem auf Laufbändern Figuren und Szenerien in aufwendigster Gestaltung durch den Guckkasten gezogen werden und mit Lichteffekten und kleinen Explosionen gearbeitet wurde. Erfunden wurde die große Welterklärungsmaschine im Zimmerformat im Barock, mutierte später zur Jahrmarktstradition und ist spätestens mit dem Aufkommen des Kinos ausgestorben.

Doch vor zwei Jahren – so erzählt es das Theaterstück – hat man in Neubrandenburg einen alten Schiffscontainer geöffnet und ein rostiges, aber voll funktionsfähiges Theatrum mundi entdeckt und zum  Leben wiedererweckt. Eine bestens aussehenden Apparatur des in der Puppen- und sonstigen Theaterwelt hochangehsehen Bühnenbildners Joachim Hamster Damm.

Theater, Wissenschaft und Glaube

Das Publikum sitzt auf einer Tribüne im leergeräumten aber prächtigen alten Saal einer Freimaurerloge im Puschkinhaus. Vor sich eine Guckkastenbühne. Als Vorhang dient eine aufklappbare Fotoreproduktion der Wunderkammer in den Frankeschen Stiftungen, die auf die Wissenschaft verweisen. Links und rechts am Bühnenrand hängen zwei Tafeln, auf denen, wie im Gottesdienst, die Liedernummern aus dem Gesangbuch angesteckt sind. Davor rechts ein Harmonium. Theater, Wissenschaft und Glaube – drei Dinge braucht der Mensch. Oder vielleicht auch nicht. Das ist die Frage, um die es in den folgenden, rasanten 90 Minuten geht.

Szenenbild "Die Weltmaschine"
Rainald Grebe Bildrechte: Falk Wenzel

Zunächst erleben wir einen genervten Spielmeister: Rainald Grebe im barocken Kostüm mit Allonge-Perücke. "Seid ihr alle da?", fährt er das Publikum an. Und schon geht’s los: Bock auf Barock, Welttheater und Schöpfungsgeschichte? Kollege Lars Frank gibt den gütigen Gott mitten im mechanischen Theater und setzt im bekannten Sieben-Tage-Rhythmus die Welt in Gang. Dann geht’s rasant weiter. Mit Prometheus, andren Ländern, andren Göttern, aber gleiches Unheil für die sich emanzipierende Menschheit. Die Schlacht von Marathon. Wir staunen und rekapitulieren unser Halb- oder Viertelwissen, während es weiter durch die Weltgeschichte geht, respektive mit der Kollegin Tilla Kratochwill hinein in die Welt Frankesche Wunderkammer und ihrer Exponate.

Ewiges Getriebensein

Dann stürmt Rainald Grebe wieder hochaufgeregt in die Szene, mit der Weltmaschine unsrer Tage in der Hand: Dem Smartphone, tausendmal voller und schneller als das mechanische Theatrium hinter ihm, sogar das 3:0 von RB Leipzig bei Werder Bremen zeigt es an, doch was interessiert das die HFC-Fans im Publikum. Da sind wir beim Thema Nummer eins und dem Grund der Grantigkeit des Spielmeisters Grebe, diese verfluchte Überinformation unsrer Zeit. Das ewige Getriebensein.

Auch beim Thema Glaube wird Grebe ziemlich konkret. Wenn in den Weltläufen das große Erdbeben von Lissabon gezeigt wird mit zehntausenden Toten,  gläubigen Menschen an Allerheilgen 1755, fragt Grebe: "Wo Gott, bis du da gewesen?" Immer wieder stellt er diese Frage und singt dazu "Eine feste Burg ist unser Gott". Man ahnt, das mit dem Glauben will Grebe nicht so an sich ranlassen. Also lieber auf die Tempotube in Sachen Zweifel drücken. Immer rasanter geht es durch die Weltgeschichte.

Von Lenin bis zu Coca-Cola

Die Schlacht von Waterloo kann gar nicht mehr in Ruhe erzählt werden, weil alle möglichen neuzeitlichen Erfindungen wie elektrisches Licht und Schreibmaschine dazwischenfunken. In einer grandiosen Eiervernichtungsorgie wird der Wahnsinn des ersten Weltkriegs auf den Punkt gebracht. Und das 20. Jahrhundert hat mit seinen Pappikonen von Lenin, über Josephine Baker, Hitler, Sowjetstern und Coca-Cola das Welttheater geradezu vollpackt, so dass kein Raum mehr bleibt. Da kommt der Moment des Großreinemachens, des Umdenkens.

Szenenbild "Die Weltmaschine"
Zum Haare raufen: "Die Weltmaschine" Bildrechte: Falk Wenzel

Dem Puppenspieler Lars Frank platzt der Kragen. Er fährt aus der Haut und räumt das Welttheater leer. Und erzählt uns vom wichtigsten Tag seines Lebens. Dem 25. Juni 1960, an dem er in Genthin geboren wurde. Er erzählt ganz ruhig und sehr liebevoll von sich und dieser Stadt. Wie er laufen, schwimmen und Radfahren lernte. Dabei fährt immer mal wieder ein Pappkamerad durchs Bild. Ulbrich, Elvis, Willi Brandt und Martin Luther King. Auch die beiden anderen wollen uns aus ihrem Leben erzählen. Immer mehr, immer wilder, man versteht am Ende nichts, außer dass die beiden Herren irgendwann einen Herzinfarkt bzw. Schlaganfall hatten.

Selfies mit allen

Doch das Ende ist dann nicht der jüngste Tag, sondern der heutige: Sehr anmutig wird gezeigt, was die drei in den Stunden vor der Premiere erlebt haben. Dann sind sie im Jetzt angekommen. Da ist es ganz ruhig. Aber das geht ja nicht. Reinald Grebe wird wieder ganz unruhig, holt das Smartphone raus, macht Selfies von sich und dem Publikum und alle müssen winken. Und zeigen, dass wir dazugehören. Die Hektik hat uns wieder. Im größten Chaos geht das Licht aus. Und es gibt den verdienten Schlussapplaus für einen rasanten Abend voller offener Fragen. Doch links und rechts hängen ja immer noch die beiden Tafeln mit den angeschlagenen Kirchenliedern. "Helfen kannst du mir nicht Gott, aber geile Songs hast du", sagt Grebe irgendwann mal sinngemäß an diesem Abend. Und in diesem Licht betrachtet, wirken die beiden Tafel dann ja fast schon wie ein Angebot.

Das Theatrum Mundi im Radio:

Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung bei der Kulturarena Jena 8 min
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Theatermacher Rainald Grebe im Interview mit MDR KULTUR-Radiomoderatorin Ilka Hein über sein Stück "Die Weltmaschine" am Puppentheater Halle.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 08:22 min

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Dresden: Figuren eines mechanischen Miniaturtheaters, auch Theatrum mundi genannt, stehen in der Puppentheatersammlung in einem Schrank. 6 min
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MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky über das "Theatrum Mundi" von Rainald Grebe.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 06:11 min

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Reinald Grebe vor der Weltmaschine 5 min
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"Die Weltmaschine" von Rainald Grebe am Puppentheater Halle - eine Reportage vom Probenstart von Yasmin Vorndran-Ahmadiar.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 04:37 min

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Häuserzeile mit Brückenbögen unter dem Fundament 5 min
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Mareike Wiemann hat ein kleines Theatrum Mundi auf der Erfurter Krämerbrücke entdeckt. Ein Besuch vor Ort.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 05:00 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2019, 09:41 Uhr

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