Günter Kunert
Günter Kunert (6. März 1929 – 21. September 2019) Bildrechte: imago/gezett

Trauer Schriftsteller Günter Kunert gestorben

Günter Kunert
Günter Kunert (6. März 1929 – 21. September 2019) Bildrechte: imago/gezett

Der Schriftsteller Günter Kunert ist tot. Der in Berlin geborene Autor und Lyriker starb am Sonnabend im Alter von 90 Jahren. Er gilt als einer der wichtigsten, vielseitigsten und produktivsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart.

Von der DDR in die BRD

Der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Kunert wurde daraufhin 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR. Mit seiner Frau Marianne ließ sich Kunert in Kaisborstel bei Itzehoe nieder.

Von Lyrik bis zum Kinderbuch

Der gebürtige Berliner war ein vielseitiger Künstler. Obwohl er die Lyrik als Kern seines Schaffens empfand, schrieb er auch Erzählungen, Essays, Reiseberichte, Schauspiele und Kinderbücher. Einen Roman hat er unter dem Titel "Im Namen der Hüte" 1967 in der Bundesrepublik publiziert. Kunert malte und zeichnete außerdem. Nach dem Krieg hatte er ein Grafik-Studium begonnen, das er aber schon nach zwei Jahren abbrach. Noch im selben Jahr, 1947, veröffentlichte er sein erstes Gedicht unter dem Titel "Ein Zug rollt vorüber" in einer Berliner Tageszeitung.

Vom SED-Mitglied bis zur Ausreise

Gern wäre er Archäologe geworden, doch als Sohn einer jüdischen Mutter durfte er in der NS-Zeit keine höhere Schule besuchen. Als "wehrunwürdig" ausgemustert, überstand Kunert den Krieg und trat 1949 in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) der neu gegründeten DDR ein.

Im Jahr darauf wurden die Schriftsteller Johannes R. Becher und Bertolt Brecht auf ihn aufmerksam und begannen, ihn zu fördern. 1962 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis. 1963 erschien sein erster Gedichtband ("Erinnerung an einen Planeten") im westdeutschen Carl Hanser Verlag. Dann begannen die Konflikte mit dem SED-Regime. Denn Kunert schrieb keine Hymnen, sondern satirische Gedankenlyrik.

1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann. Drei Jahre später reiste er selbst mit seiner Frau aus. "Fremd daheim" heißt einer seiner Gedichtbände, die seitdem im Hanser Verlag erschienen. Darin setzte er sich lyrisch mit dem Mauerfall 1989 und seinen Folgen auseinander.

Arbeit am "Big Book"

Für den Göttinger Wallstein Verlag arbeitete der Autor in den vergangenen Jahrzehnten an seinem "Big Book", einem Konglomerat aus lyrischen Skizzen, Traumnotaten, Erinnerungssplittern und Tagesnotizen in mehreren Bänden. 2001 erschien "Nachrichten aus Ambivalencia", 2011 "Die Geburt der Sprichwörter", 2013 "Tröstliche Katastrophen". Im vergangen Jahr kam «Ohne Umkehr» heraus: ein illusions-, wenn nicht hoffnungsloser Blick in den Abgrund der Weltpolitik. "Während ich schlief/ging die Welt unter", heißt es auch im jüngsten Lyrikband "Aus meinem Schattenreich" (Hanser 2018).

Dieses Jahr erschien "Die zweite Frau"

Bei Wallstein erschien auch erst kürzlich Kunerts zweiter Roman unter dem Titel "Die zweite Frau". Das verschollene Manuskript von 1974/75, wegen seiner Frechheit undruckbar in der DDR, hatte der Verfasser nach mehr als 40 Jahren in einer Truhe wiedergefunden: Der männliche Protagonist irrt durch das Ostberlin der 1970er Jahre, um ein passendes Geschenk zum 40. Geburtstag seiner Frau zu finden - vergebens. Also versucht er es im Intershop, wo man nur mit Westgeld bezahlen kann. Als er unbedachte Bemerkungen macht, entwickelt sich aus Missverständnissen eine Tragikomödie.

Fast alle Bücher verschenkt

Kunert selbst las - nach eigenem Bekunden - zuletzt kaum noch Belletristik. Sachbücher und Biografien interessierten ihn mehr, sagte er schon vor Jahren dem Magazin "Cicero". Die meisten seiner Bücher habe er verschenkt, viele gingen an die Bibliothek einer Münsteraner Haftanstalt.

Die zweite Frau nach 50 Jahren Ehe

Mit seiner ersten Frau Marianne war Kunert 50 Jahre verheiratet. Nach ihrem Tod, Kunert war schon über 80, heiratete er ein zweites Mal und widmete Erika seinen DDR-Roman "Die zweite Frau". Bereits zu Lebzeiten hat Kunert ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gekauft. Dort wurde bereits seine erste Frau beerdigt. Kunert wollte dort auch beigesetzt werden.

Erst im März hatte er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Vor zehn Tagen war Kunert aus dem Krankenhaus entlassen worden, da es sein Wunsch gewesen war, zu Hause zu sterben. Dort wurde er bis zu seinem Tod palliativ versorgt. Er starb am Samstagabend in seinem Haus im schleswig-holsteinischen Kaisborstel im Alter von 90 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung, wie die Witwe Erika Hinckel und ein enger Freund der Familie, der Bildhauer Manfred Sihle-Wissel, am Sonntag bestätigten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2019 | 16:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 17:10 Uhr