Theaterkritik: "Die Präsidentin" in Magdeburg Corinna Harfouch karikiert Marine Le Pen

Am Samstag erlebte das Schauspielhaus Magdeburg eine Uraufführung: "Die Präsidentin", ein Stück basierend auf einem französischen Comic, der sich mit der Frage beschäftigt: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Rechtspopulistin Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2017 gewonnen hätte? Matthias Schmidt war für MDR KULTUR als Kritiker in Magdeburg.

MDR KULTUR: Ja, was wäre denn wenn?

Matthias Schmidt: Das Stück spielt durch, wie die Rechten nicht nur ihr Programm umsetzen – vor allem in der Zuwanderungspolitik – sondern Schritt für Schritt das gesamte demokratische System zerstören. Also: Gegen Straßenschlachten helfen Ausgangssperren, gegen Terrorgefahr die totale Überwachung, die Einschränkung der Bürgerrechte für alle Nichtfranzosen, eine Abkehr von Europa und so weiter. Es entstünde eine Diktatur. Eine Anti-Utopie sozusagen. Gewissermaßen ist das ein Gegenentwurf zu Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Dort steht die Frage im Raum, wie weit man bereit wäre zu gehen, um eine rechte Regierung zu verhindern. Würde man dafür eine Muslimische Partei in Kauf nehmen, also tatsächlich die Islamisierung des Abendlandes? Das intellektuelle Dilemma hier ist dagegen relativ überschaubar. Im Grunde geht es nur darum, die Rechten zu entzaubern, in dem man zeigt, dass sie eine Diktatur aufbauen würden.

Wie zeigt die Magdeburger Inszenierung das denn: Die Verwandlung einer aufgeklärten Demokratie in eine Diktatur?

Zunächst muss gesagt werden: Der Regisseurin Cornelia Crombholz reichte in der Magdeburger Inszenierung dieser Vorgang offenbar nicht aus. Sie will das Thema zugleich hier verankern. Dafür gibt es gute Gründe, denn auch uns beschäftigen ja die Erfolge der AfD und die Zerrissenheit des Landes. 24,3 Prozent hatte die AfD bei den Landtagswahlen 2016. Sie belässt also die Haupthandlung in Frankreich, aber von Anfang an sprechen die Schauspieler auch außerhalb ihrer Rollen. Sie tun so, als richteten sie noch die Bühne ein und debattieren dabei politische Themen: Trump, den Islam, die Angst mancher Leute. In was für einer Gesellschaft leben wir? Wovon träumen wir, und was tun wir dafür? Was kann das Theater für eine Rolle spielen? Hier werden also jede Menge Themen in den Raum gestellt, und wir sehen nicht nur die Dramatisierung einer französischen Geschichte, sondern sie wird vermischt mit der aktuell politischen Lage.

Wie vertragen sich diese beiden Ebenen und wie konkret muss man sich diese Inszenierung vorstellen? Immerhin war Corinna Harfouch als "Die Präsidentin" zu sehen, allein das versprach ja schon einen besonderen Abend.

Um es gleich zu sagen, mir kam der ganze Abend ziemlich wirr vor, völlig überfrachtet. Alles gerät durcheinander, die Ebenen werden wild und laut aneinander gekloppt – und am Ende bleibt für mich tatsächlich nur übrig, dass Corinna Harfouch eine tolle Schauspielerin ist. Eigentlich verrückt, dass sich die Magdeburger nicht auf sie und das Schauspiel verlassen haben. Stellen Sie sich mal vor: Corinna Harfouch entzaubert Marine Le Pen, das wäre doch mal was. Es gibt aber nur genau eine Szene, in der sie das tun darf. Sie ist als Präsidentin gerade inthronisiert worden und hält ihre erste Rede. Mit einem breit ausladenden Kleid in den französischen Nationalfarben tritt sie ans Mikrofon, eine Krone auf dem Kopf und spricht. Und zwar die Sätze von hinten nach vorne, was irre komisch und auch entlarvend ist. Sie ist in dieser Szene eine großartige Karikatur der realen Person, das ist wie Charlie Chaplin im Film "Der große Diktator".

Und der Rest, ganz vorsichtig gefragt: Die Anti-Utopie und die aktuellen Debatten? Sie sagten ja bereits, das wirkte auf Sie wirr und überladen.

Ja, und das sage ich, wenn auch ungerne, hier noch einmal. Ich weiß nicht, was die Magdeburger geritten hat, da so viel hineinzustopfen. Und so wenig auf die Kraft des Spiels und eine Corinna Harfouch zu vertrauen. Stattdessen laufen sie pausenlos mitsamt ihren Kulissen – fahrbaren Stellwänden und Stühlen – hin und her, lassen besorgte Bürgerstimmen zu Wort kommen, männliche Femen-Protestierer treten auf, es geht um die Ausbeutung des Rohstoffs Wasser, die atomare Gefahr – um alles Mögliche. Sie brüllen gegen Musik und Sprechchöre an – das ist alles sehr laut zeitweise. Cornelia Crombholz hatte das Projekt vorab eine Art Polit-Varieté genannt, das die Zuschauer zum Nachdenken anregen sollte. Ich finde diese Idee höchst ehrbar, aber, mit Verlaub, gründlich misslungen. Das kommt phasenweise fast ein bisschen agit-prop-mäßig rüber. Vor allem aber zerfasert und schwächt es die eigentliche Geschichte. Wie nötig es tatsächlich ist, den rechten Zauber zu entzaubern, zeigt ja jede neue AfD-Rede.

Wird denn tatsächlich so tagesaktuell improvisiert?

Es wird tatsächlich viel improvisiert, und offenbar auch immer wieder neu, denn das Stück ist ja eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, und dort soll es etwas anders abgelaufen sein, aber darum geht es mir letztlich gar nicht. Ich finde, die "was-wäre-wenn-Geschichte" hätte stark genug sein können. Jetzt nochmal zu Ihrer Frage: Was haben wir eigentlich zu sehen bekommen? Die Entstehung einer Diktatur wird im Grunde auch am treffendsten in der Szene erkennbar, die ich vorhin erwähnte. Darin sind die Front National-Politiker wie Clowns geschminkt, und nach dem Wahlsieg zeigen sie dann ihr wahres Gesicht. Aus den Clowns werden, wenn man die Schminke ein bisschen verschmiert, Monster. Das versteht man, mir hätte das genügt. Dass sich zu dieser Geschichte Analogien auch nach Sachsen-Anhalt aufdrängen, ist doch ein Selbstläufer, das muss man, finde ich, dem Publikum nicht vorkauen.

Kommende Termine 8. Juni 2019 / 19:30 Uhr im Schauspiehaus

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juni 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2018, 14:41 Uhr

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